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Mönchengladbach
Ein trauriges Wiedersehen - nach all den Jahren

Im Juni dieses Jahres hat Burkhard Spinnen sein Buch "Die letzte Fassade" vorgestellt. Im Rheindahlener Altenheim, in dem mein demenzkranker Vater seit fast zwei Jahren wohnt, las er aus einigen Kapiteln vor. Meine Mutter und ich saßen im Publikum. Wir waren tief bewegt. Der Schriftsteller schildert in seinem Buch die Demenzerkrankung seiner Mutter und wie er - als einziger Sohn - und auch die Betroffene selbst die ersten Anzeichen des geistigen Verfalls verdrängen wollten. Von Inge Schnettler

Den Leidensweg seiner Mutter - mithin auch seinen - zeichnet Burkhard Spinnen in dem Buch kompromisslos und wahrhaftig auf, er schont auch sich selbst nicht in der Beschreibung seiner grenzenlosen Hilflosigkeit und Überforderung angesichts der Krankheit. Er schreibt: "Meine Mutter hatte keinen Krebs, es traf sie nicht der Schlag, sie glitt vielmehr langsam in die Demenz und damit fatalerweise in einen Zustand, der sich weit außerhalb meiner Vorstellungen und Erfahrungen befand."

Als klar ist, dass seine Muter Pflege und Schutz rund um die Uhr braucht, bleibt als letzter Ausweg die Unterbringung in einem Altenheim - in Münster, ganz in der Nähe des Sohnes. Als es dann so weit ist, holt er seine Mutter in Mönchengladbach, wo sie nach dem Tod ihres Mannes alleine im Einfamilienhaus lebt, ab. "Ich redete kaum mit ihr und vermied eisern jede Diskussion über das, was jetzt anstand. Stattdessen trug ich rasch den Koffer ins Auto und übernahm das altbekannte Ritual, vor dem Verlassen des Hauses alle Türen, Fenster und Lichtschalter noch einmal zu überprüfen. Was tatsächlich ein ganz einmaliger Vorgang war, musste unbedingt wie ein normaler Routinefall aussehen."

Die Autorenlesung im Saal des Altenheims war gut besucht. Viele Angehörige von Demenzkranken hörten dem Schriftsteller zu, der schonungslos den Verlauf der Krankheit und die deprimierenden Auswirkungen schilderte, die meine Familie auch schon so lange erleben muss. Es gab Tränen im Saal. Niemand schämte sich dafür.

Nach der Lesung haben Burkhard Spinnen und ich uns umarmt - nach so langer Zeit gab es eine neue Verbundenheit. Die Krankheit seiner Mutter und meines Vaters sind so unaussprechlich schrecklich, dass eigentlich die Worte fehlen, die Gefühle zu beschreiben, die sich unweigerlich beim Besuch im Altenheim einstellen. Burkhard Spinnen ist das in seinem Buch gelungen - mir gelingt es nicht.

Seit seiner Lesung im Rheindahlener Altenheim haben wir den Kontakt gehalten. Irgendwann entwickelte sich - angesichts der rasanten Veränderungen in unserer Geburtsstadt - die Idee, gemeinsam einen Rundgang zu machen. Wir gingen auf Wieder-Entdeckungs-Reise. Dabei sind diese Geschichten und die Fotos entstanden.

Quelle: RP
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