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Mönchengladbach
Eine afrikanische Heldin besucht Gladbach

Mönchengladbach: Eine afrikanische Heldin besucht Gladbach
Die Frauen aus dem Dorf sind alle vor ihren Männern, den sexuellen Übergriffen und Prügelei geflohen. FOTO: Xavier Surinyach
Mönchengladbach. Rebecca Lolosoli gründete das erste Frauendorf Afrikas. Jetzt kommt sie in die Stadt, berichtet von ihrem Kontinent und ihrem Leben. Von Kilian Treß

Ihre Geschichte gleicht einer Hollywood-Inszenierung: Nach einem sanften Start ins Leben gerät es mit Beginn der Pubertät völlig aus den Fugen. Das Mädchen steht mehrmals kurz vor dem Tod. Doch zieht sie ihre Lehren daraus und rettet letztlich wohl Hunderten anderen Frauen das Leben. Ein Happy End, das noch immer andauert.

Die Rede ist von Rebecca Lolosoli. Sie ist 1962 in dem kleinen Ort Wamba im Samburu-Distrikt in Kenia geboren; fernab jeglicher Zivilisation, fernab einer Gesellschaft, in der Frauen mündig sind. Trotzdem schafft sie es, im Laufe ihres Lebens afrikanische Geschichte zu schreiben. In einer Welt, in der Frauen von Männern straffrei geprügelt, vergewaltigt, zwangsverheiratet und bei Genital-Beschneidungen oft tödlich verletzt werden, gründet sie das erste Frauendorf Afrikas. Umoja. Es ist Ort der Sicherheit, Zuflucht für alle Frauen, die ähnliche Qualen erleiden mussten wie Rebecca.

Ihre Geschichte ist niedergeschrieben in dem Buch "Mama Mutig" - ein Bestseller, "der derzeit zum wiederholten Male vergriffen ist", sagt Ise Stockum vom Freundeskreis Umoja.

Der Freundeskreis hat "Mama Mutig" zu einer Lesung nach Gladbach eingeladen, wo sie über die Entstehung des Dorfes und über die Schule in Umoja berichten wird. Zudem zeigt sie in einem Film, wie das tägliche Leben in dem kenianischen Frauendorf ohne Männer bewerkstelligt wird. Themen sind auch die Knappheit des Trinkwassers sowie die Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung, die Gleichstellung von Jungen und Mädchen und der Kampf gegen die Beschneidung der Frauen.

Rebecca Lolosoli hat an diesem Abend eine Menge zu berichten. Sie wurde als Tochter des großen Chiefs Ditan Lesankurikuri geboren. Sie war das vierte Kind von sechs: drei Brüder und drei Schwestern. Ihr Vater lebte polygam mit drei Frauen, Rebecca war aber stets die Lieblingstochter ihres Vaters Ditan, dem großen Samburu-Chief. Rebecca klebt an seinen Lippen und wird von ihm ebenfalls zum Chief erzogen, obwohl das in der Kultur der Samburu für Mädchen nicht vorgesehen ist. Er schenkt seiner Tochter sogar kleine Ziegen, damit sie lernt, auf sie aufzupassen. Auch das ist ungewöhnlich in der traditionellen Männergesellschaft. Rebecca schaut sogar regelmäßig bei Schlachtungen zu. Das macht sie hart, zu einer Anführerin.

Doch ist sie auch einfühlsam. Ihre Mutter Naisaba stärkt ihren Sozialsinn. Als Frau des Chiefs sorgt sie dafür, dass Rebecca den Witwen und Frauen, die keine Kinder haben, zur Seite steht. Nachdem aber "Mama Meronie", eine Samburu-Frau, vor Rebeccas Augen von ihrem Ehemann erschlagen wird, schwört sich Rebecca, gegen die Missachtung von Frauen in ihrer Kultur zu kämpfen. Doch die junge Rebecca muss zu der Zeit noch viel lernen. Fürs Leben.

Schulunterricht erhält sie von italienischen Missionaren, die 1970 das Dorf besuchen. Mit neun Jahren wird sie sogar eingeschult, lernt lesen und schreiben. Doch mit 13 Jahren ist das bis dahin noch nahezu ubefangene Leben beendet. Rebecca wird beschnitten und stirbt fast an den Folgen der qualvollen Tradtion. Das traumatische Erlebnis prägt sie für immer. Der Kultur nach sollte sie stolz sein, weil sie von nun an eine richtige Frau sei. Doch Rebecca fühlt sich niedergeschlagen, gedemütigt und erholt sich nur langsam. Junge Männer wagen sich seither nicht mehr an diese außergewöhnlich selbstbewusste junge Samburu-Frau heran. Nur ein alter Mann zeigt Interesse, doch ihre Mutter lehnt diesen Mann, weil er so aufmüpfig gewesen sein soll, als Heiratskandidaten ab. Der Ehemann, den sich Rebecca später selber wählt, wird sie trotzdem enttäuschen. Weil die starke Frau sich gegen die Befehle der Männer im Clan verteidigt, wird sie an einem Tag von mehreren zugleich geschlagen und fast zu Tode geprügelt. Ihr Mann saß tatenlos daneben, ohne den Willen zu zeigen, ihr zu helfen. Von nun an wollte sie fliehen.

1990 gründete sie im Alter von 28 Jahren schließlich Umoja. Hunderte Frauen, die von ihren Männern geprügelt werden, Zwangsehen oder Genitalverstümmlung nicht mehr hinnehmen wollten, nahm sie in ihre Obhut. Sie ist die große Heldin.

Rebecca Lolosoli kommt am 22. September ins Jugendclubhaus Westend, Alexianer Straße 4. Beginn ist um 19 Uhr, Ende ist gegen 21 Ihr geplant. Die Veranstaltung ist auf Englisch, alles aber auf Deutsch übersetzt.

Quelle: RP
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