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Mönchengladbach
Eine Diktatur mitten in Rheydt
Mönchengladbach: Eine Diktatur mitten in Rheydt
Johannes Jensen, Präsident des "Kompostaats" auf dem Rheydter Marktplatz. Dort stempelt er die Einreisedokumente für Besucher. Draußen wartet Claudia Reich vom BBK. Heute startet die Kunstaktion "Caravan". FOTO: Markus Rick
Mönchengladbach. Vor dem Rathaus auf dem Rheydter Marktplatz haben Künstler einen "Kompostaat" errichtet. Dort regiert fünf Tage lang der Kölner Johannes Jensen. Heute um 11.30 Uhr macht Oberbürgermeister Bude dort seinen Antrittsbesuch. Von Garnet Manecke

Für die Stadtmensch-Nase müffelt es etwas im Staate Kompostaat. Der Kompost, der dem Mini-Staat seinen Namen gibt, ist frisch aufgeschüttet. Salat, Kohl und Beerenfrüchte wachsen hier – alles in Bio-Qualität. Im hinteren Teil des knapp 20 Quadratmeter großen Staates knabbern zwei Kaninchen an Möhren und Salatblättern.

Neben dem friedlichen Miteinander von Mensch, Tier und Natur herrscht hier Steuerfreiheit, es gibt keine Währung und keine Gebühren. Der Diktator Johannes Jensen hat mit seinem unabhängigen "Kompostaat" eine Idylle, so scheint es, auf den Marktplatz in Rheydt gebracht. Ab heute können auch die Mönchengladbacher Einbürgerungsanträge stellen.

Mit seinem Kompostaat eröffnet der Kölner Johannes Jensen das Projekt "Caravan und Satellit – Kunst auf Achse", mit dem der Bundesverband Bildender Künstler (BBK) Niederrhein auf Tour geht. An fünf Stationen in vier Städten werden im öffentlichen Raum Installationen gezeigt. Parallel dazu finden in "Satelliten" Ausstellungen statt. Der Kompostaat in Rheydt wird von einer Ausstellung in Krefeld begleitet, in der sich neun Design-Studenten der Hochschule Niederrhein Manifesten in Design und Architektur widmen.

Um 11.30 Uhr wird Johannes Jensen heute den Schlagbaum zu seinem Zwergstaat zum ersten Mal hochheben, um in Oberbürgermeister Norbert Bude seinen ersten Staatsgast offiziell zu empfangen. Während das Stadtoberhaupt und der Staatenlenker die Fahnen austauschen, wird die von Harald Sack Ziegler komponierte Nationalhymne "Lieder aus des Knaben Megafon" erklingen. Danach können Einreisewillige bis Mittwoch, 7. September, einen Personalausweis beantragen, sofern sie sich mit einem offiziellen Dokument ihres Heimatstaates ausweisen können.

Der Diktator hat an alles gedacht: In seiner Amtsstube hängt ein Porträt von ihm, auf dem er ernst in die Ferne schaut, sein Kopf wie von einem Heiligenschein mit Licht umflort. Auf dem kleinen Tisch stehen Stempel-Karussell und eine alte Schreibtischlampe. Für das Ausfüllen der Ausweispapiere steht eine betagte elektrische Schreibmaschine bereit. Sollte einmal der Strom ausfallen, wie es in Diktaturen ja schon mal vorkommt, hat Jensen einen Stromgenerator zur Hand.

Auch für den Fall eines feindlichen Angriffs auf sein Idyll hat der friedliche "Kompostaat" vorgesorgt: Im Wohnwagen ist eine Rakete stationiert, in der Ecke seiner Amtsstube lehnt ein Gewehr an der Wand. Und ein Bauzaun umhegt das Gelände direkt vor der Freitreppe zum Rathaus. Aber dass mit dem Diktator im Ernstfall nicht zu spaßen ist, zeigt sich schon an der Nationalflagge: Hinter dem krähenden Hahn und dem Stern kreuzen sich eine Weizenähre und ein Gewehr in Blutrot.

Aber so schlimm soll es gar nicht kommen. Jensen freut sich auf die Grenzöffnung. "Jeder ist willkommen und kann gerne Bürger von Kompostaat werden", sagt er. "Ich bin gespannt, was wir erleben."

Quelle: RP/rl
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