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Mönchengladbach
Eine Fliegerseele kommt nie zur Ruhe

Mönchengladbach: Eine Fliegerseele kommt nie zur Ruhe
Fred Wicht vom Oldtimer Club mit dem 91 Jahre alten Flugzeugkonstrukteur Hanno Fischer. FOTO: Jörg Knappe
Mönchengladbach. Der 91-jährige Hanno Fischer kann von über 70 Jahren Luftfahrtgeschichte erzählen. Er war Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg und Chefkonstrukteur bei Rhein-Flugzeug. "Airfish", sein neuestes Projekt, verbindet See- und Luftfracht. Von Sabine Winkler

Auf solche Zeitzeugen trifft man nicht oft. Mit klarer, fester Stimme und einem ständigen Strahlen im Gesicht, steht der 91-jährige Hanno Fischer am Donnerstagabend im Pavillon des Gasthofes am Schmölderpark. Gebannt lauschen ihm die rund 35 Mitglieder des Oldtimer Vereins "IG Speichenrad Mönchengladbach", was er über die Fliegerei zu erzählen hat - und das sind einige kuriose Anekdoten.

Trotz seiner 91 Jahren ist Fischer fit. Er arbeitet an seinen Projekten, reist um die Welt und bastelt in seiner Werkstatt in der Garage in Neersen, wo er wohnt. "Da stehen einige Prototypen rum", sagt Fred Wicht, der den Vortrag für den Stammtisch seiner Oldtimergruppe organisiert hat. Unter den Vereinsmitgliedern sind selber auch einige Sportpiloten, somit blieb die eine oder andere Fachsimpelei an diesem Abend nicht aus. Alles was Motoren hat, verbindet die Freunde englischer Oldtimer schließlich.

Hanno Fischer hat die Entwicklung von Flugzeugen im 20. Jahrhundert hautnah miterlebt. Vom Kampfpiloten im zweiten Weltkrieg bis zum Chefkonstrukteur bei Rhein-Flugzeug in Gladbach. Die Leidenschaft wurde für ihn zum Beruf.

In den 40er Jahren sammelte er, damals in der Hitlerjugend, erste Flugerfahrungen und machte den Pilotenschein. "Das war vor allem was Gemeinschaftliches", erinnert sich Fischer. "Man brauchte fünf bis sechs Personen, um so einen Flieger in die Luft zu kriegen." Kritisch reflektiert er die damalige Begeisterung und dass er sich damals freiwillig für die Luftwaffe meldete. "Es war damals eine Art patriotische Pflicht und ich liebte das Fliegen", resümiert Fischer über diese Zeit.

Wenn Hanno Fischer redet, wird die Leidenschaft zum Fliegen deutlich. Selbst durch seine französische Kriegsgefangenschaft ließ er sich nicht von der Luftfahrt abbringen. Fischer ist Perfektionist durch und durch. Sobald er wieder in der Heimat war, werkelte er an seinem ersten Flugzeug. "Damals bauten wir auf der Straße. Und der erste Testflug war auf der Autobahn an der Odenkirchener Brücke," berichtet Fischer. Ein Szenario, das man sich heute kaum vorstellen kann.

Sein Enthusiasmus in den Nachkriegsjahren sollte ihm zwar so manchen Ärger einbringen - aber auch Chancen. Damals waren durch die britische Besatzung lediglich Segelflieger erlaubt, keine Motorenmaschinen. Problem nur, dass Fischer einen Motor in sein Flugzeug einbaute. "Da kam ein Anruf. Man interessiere sich sehr für mein Flugzeug, dass wolle man sich morgen früh gleich angucken", erinnert er sich. In einer Nacht- und Nebelaktion baute er den Motor so gut es ging aus. Die Riemenaufhängung des Motors konnte er aber nicht schnell genug entfernen. "Ich behauptete dem Major gegenüber einfach, das hab ich für später gemacht. Falls da mal ein Motor rein soll." Er kam mit der Notlüge durch.

Seine Flugzeugtypen wurden in den folgenden Jahren in die ganze Welt geliefert, sogar bis nach Kolumbien. Besonders stolz war er, dass eines seiner Flugzeuge vom US-Militär als erste, nicht in den USA-konstruierte Propellermaschine gekauft wurde.

In den 80er Jahren kam aber auch für Fischer die Zeit des Renteneintritts. "Das fiel mir schon schwer. Aber ich suchte mir neue Aufgaben", blickte der Pilot schon damals nur nach vorne.

Mit den Rechten an seinen unzähligen Patenten in der Hinterhand suchte er sich ein neues Feld. Das fand er, indem er versuchte, die Lücke zwischen See- und Luftfracht zu schließen. Dazu entwickelte er den sogenannten "Airfish". Es handelt sich dabei um ein Fluggerät, das Bodenlufteffekte ausnutzt und so vom Wasser auf einer Art Luftkissen abheben kann. Ein Projekt, das er bis heute perfektioniert. Bisher sind Maschinen dieser Art mit bis zu 20 Sitzplätzen unterwegs, unter anderem in Südkorea oder Malaysia. Auch russische Ingenieure haben sich seine Erfindung zum Vorbild für ein eigenes Modell genommen. "Wir haben noch große Pläne, wir würden damit zum Beispiel gerne auch im Ostseeraum die herkömmlichen Fährzeiten radikal verkürzen", träumt der 91-jährige. Wenn man Fischer so reden hört, erinnert das eher an einen jungen Satr-Up-Gründer als an einen erfahrenen wie rüstigen Flugzeugbauer. Das fasziniert auch Fred Wicht vom Oldtimer Club so sehr an Fischer: "Das ist echt eine Art Silicon Valley am Niederrhein. Er blickt immer in die Zukunft."

Fischers aktuelle Baustelle ist ein geplanter 80-Sitzer seines Airfishes, genannt "Hoverwing 80". Der Prototyp wird zurzeit an der Ostsee getestet. Fischer hofft natürlich auch dieses Projekt so erfolgreich wie seine anderen zu Ende bringen zu können. Eine echte Fliegerseele kommt schließlich nicht zur Ruhe. "Solange das mein Fliegerherz noch zulässt, fliege ich bei gutem Wetter auch noch die ein oder andere Runde über Gladbach", verkündet der 91-Jährige.

Quelle: RP
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