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Mönchengladbach
Eine "Musterfabrik" ohne Denkmalschutz

Mönchengladbach: Eine "Musterfabrik" ohne Denkmalschutz
FOTO: Schürings Hans
Mönchengladbach. Die "Alte Spinnerei" an der Sophienstraße ist so gut, vollständig und originalgetreu erhalten wie kaum eine andere alte Textilfabrik. Und doch steht sie in keiner Denkmalliste. Unerklärlich, finden Historiker. Von Hans Schürings

Gerade mal sechs als textile Fabrikanlagen bezeichnete Objekte sind in der Denkmalliste der Stadt, dem ehemaligen "Rheinischen Manchester" und Hauptsitz der niederrheinischen Baumwollindustrie, aufgelistet. Lediglich bei zwei von diesen ehemaligen Textilbetrieben sind auch die Produktionshallen noch vorhanden. Vor diesem Hintergrund mutet es verwunderlich an, warum die noch heute beeindruckende ehemalige Spinnerei an der Sophienstraße bis heute nicht unter Denkmalschutz steht.

Die als "Alte Spinnerei" bezeichnete ehemalige Baumwollspinnerei ist wohl die älteste nahezu umfassend erhaltene Geschoss-Fabrikanlage in Mönchengladbach. Die Firma M. May & Cie. wurde im Jahr 1865 gegründet und begann ab 1871 am Standort Sophienstraße (ehemals Hornsweg) mit der Produktion, um danach die Fabrikanlage stetig zu erweitern. Gemäß einer Skizze aus dem Jahre 1876 sollte die Anlage vier Etagen umfassen, von denen jedoch nur drei realisiert wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen in Mönchengladbach lediglich nur rudimentär vorhandenen Fabrikanlagen ist der beeindruckende und früher weit sichtbare Schornstein zwar zum Teil abgetragen worden, aber noch vorhanden.

Der Schornstein ist zwar zum Teil abgetragen worden, aber noch vorhanden. Unten links: eine Ansicht des Komplexes im Jahr 1976. Unten rechts: Heute wird die gesamte Betriebsanlage kommerziell genutzt. FOTO: Hans Schürings (2), Eduard Beyer

Die gesamte äußerst sehenswerte und beeindruckende Anlage - für Eduard Beyer galt sie 1876 als "Muster-Anlage" - steht bis heute nicht unter Denkmalschutz. Der Spinnerei-Trakt mit den Abmessungen 59,78 mal 34,10 Metern war mit bunten Mettlacher Kacheln ausgelegt. Nach Beyer zeigte die im Hochbau errichtete Spinnerei-Anlage damals "in ihrer baulichen Anlage und inneren Einrichtung hinsichtlich des Schutzes der Arbeiter für Leben und Gesundheit, eine hervorragende Fürsorge." Ein eigenes Badehaus für die Mitarbeiter existiert heute nicht mehr. Bemerkenswert ist der Umstand, dass das Flachdach als Wasserreservoir diente.

Hergestellt wurden in dieser unmittelbar am Gladbach gelegenen Textilfabrik so genannte Water-Garne mit niedrigen Nummern aus ostindischer Baumwolle. Diese Garne waren für Gladbach typisch. Im Jahr 1876 arbeiteten in der Fabrik M. May & Cie. rund 200 Mitarbeiter, die Mehrzahl Frauen. Reguläre Arbeitszeit waren elf Stunden am Tag. Nach vollständiger Fertigstellung sollten 350 bis 400 Menschen hier Arbeit finden. Nach dem Vorbild des Textilunternehmers Franz Brandts existierte seit Oktober 1880 auch bei M. May & Cie. eine Fabrikordnung. Eindrucksvoll sind auch heute noch die typischen gusseisernen Stützen der Kappendecken (gewölbten Decken) im Innern, die auch für die Befestigung der damals noch erforderlichen Transmissions-Vorrichtungen Verwendung fanden.

Noch bis zum Jahr 1963 sprach die Industrie- und Handelskammer Mönchengladbach von der Textilindustrie als dem "stärksten Pferd im Wirtschaftsstall der Mönchengladbacher Kammer." Durch Verlagerung der textilen Produktion nach Gangelt im Jahr 1966 endete jedoch die Geschichte als textiler Standort der Firma M. May & Cie. in der Vitusstadt. Nach einer Nutzung durch die Bundeswehr sind derzeit hier Büros, Ateliers, Studios, Lofts, soziale Einrichtungen, Werkstätten und eine Gastronomie untergebracht. Die gesamte Betriebsanlage wird also kommerziell genutzt und ist somit auch nur begrenzt zugänglich.

Bezüglich der Architektur "besticht die noch immer weitgehend ursprüngliche äußere Erscheinungsform des Komplexes. Die zumeist steinansichtige Erscheinung des ehemaligen Textil-Komplexes imponiert seit dem Jahr 1871, also nunmehr 145 Jahre.

Die Ausführungen sind Teil eines Vortrags, den Historiker Hans Schürings am Sonntag, 25. September, 11.30 Uhr, im Schloss Rheydt mit dem Titel "Vom Industrieschloss bis zum Werk im Grünen, Textilindustriekultur in Mönchengladbach" hält.

Quelle: RP
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