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Gastbeitrag zum Tod eines jungen Obdachlosen
Eine Tragödie mitten in unserer Stadt

Gastbeitrag zum Tod eines jungen Obdachlosen: Eine Tragödie mitten in unserer Stadt
In diesem Baum wurde der schwer traumatisierte Junge vor zwei Wochen tot gefunden. FOTO: Polizei MG
Mönchengladbach. Auch Regionaldekan Ulrich Clancett hat das Schicksal vom traumatisierten Jungen, der sich nach einem Familiendrama auf Bäume und Dächer zurückzog, tief bewegt: "Die Rat- und Fassungslosigkeit angesichts des Todes von Marc muss von uns umgewandelt werden in eine neue Kultur der Achtsamkeit", fordert er. Von Ulrich Clancett

Viele in der Stadt kannten Marc. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, immer unterwegs. Viele kannten seine Geschichte von damals, in Rheindahlen. Das Presse-Echo seinerzeit war ja kaum zu übersehen, zu überhören. Fast alles lag wie ein aufgeschlagenes Buch auf dem Tisch. Und doch konnte es keiner verhindern, dass er plötzlich nicht mehr da war. Vielleicht hatten ihn einige seit Jahresanfang vermisst, aber wirklich nach ihm zu suchen, hatte ja auch kaum Zweck - denn er entzog sich immer wieder jeglicher Kommunikation. Sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten war ihm kaum möglich - traumatisiert durch die grauenhaften Erlebnisse damals, 2014, taumelte er gewissermaßen durch sein junges Leben. Was muss das für ihn ein Martyrium gewesen sein, nach einigen Straftaten ins Gefängnis zu kommen - wenn auch die Strafe angemessen schien...

Und immer wieder in diesen Tagen die drängende Frage: Wer oder was hat da versagt? Hätte man dieses tragische Ende eines jungen Menschen verhindern können, vielleicht sogar müssen? Gab es wirklich keinen Hilfsmechanismus, der da hätte greifen können?

Aber: Was tun, wenn sich ein Mensch fortwährend allen möglichen Gesprächs- und Hilfsangeboten entzieht?

Regionaldekan Ulrich Clancett. FOTO: LBER

In Artikel 1 unseres Grundgesetzes heißt es ganz klar: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Die Hürden, sie dennoch, auch zum eigenen Schutz, anzutasten, etwa durch eine zwangsweise Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung, sind in unserem Land sehr hoch. Und - ja: Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, Teil dieser verfassungsmäßig geschützten Unantastbarkeit, umfasst eben auch die Verweigerung jeglicher Kommunikation. Auch dann, wenn diese offensichtlich in den Abgrund führt, auch dann, wenn das von vielen Menschen wahrgenommen wird. Und wir werden uns angesichts des Todes von Marc auch daran gewöhnen müssen, dass es eben der Preis dieses hohen Gutes der Unantastbarkeit der Menschenwürde ist, dass Hilfsmechanismen, so gut und so intensiv sie auch sein mögen, versagen.

Was nicht heißt, dass wir schulterzuckend wieder in den Alltag übergehen können. Denn das ist die andere Botschaft hinter dem Tod von Marc: Die Unantastbarkeit der Würde eines Menschen umfasst eben auch eine endlose Prüfschleife, was denn noch an Hilfsmöglichkeiten in einer solchen extremen Lebenssituation möglich ist. Immer und immer wieder ist das der Preis dieses fundamentalen Menschenrechtes, sich auch persönlich mit allen Möglichkeiten einzusetzen, die Hilfsmechanismen an den Mann / an die Frau zu bringen. Aber noch einmal: Ich werde immer ganz demütig bei der Frage "Was hätte man besser machen können?", weil ich weiß: Alles, was wir zu tun vermögen, ist Menschenwerk, nicht vollkommen, nicht perfekt, nicht wasserdicht. Es wird immer wieder genau diese bittere Erkenntnis geben, dass es Fälle wie Marc gibt und wir sie letztlich nicht zu 100 Prozent verhindern können. Weil wir eben alle miteinander Menschen sind und eben keine Maschinen, die mit einem perfekten Programm (nach unseren Maßstäben) auch perfekte Ergebnisse erzielen.

Wir Christen bedienen uns in dieser Situation immer wieder eines tröstenden Gedankens: Wir vertrauen Marc, seine Seele, sein ganzes Leben, das wir nicht verstehen konnten, der unendlichen Güte Gottes an.

Klar, frage ich diesen Gott immer wieder auch anklagend: Hättest du das nicht verhindern können? Aber so unverständlich mir das Leben von Marc, das nun Stück für Stück auch dokumentiert öffentlich wird, erscheint - so unverständlich scheint mir auch mancher Plan Gottes. Und - ja: Ich zweifle dann an diesem Gott und bete darum, nicht zu verzweifeln angesichts einer solchen Tragödie mitten in unserer Stadt, mitten in unserem Leben, das Marc sicher auch gerne in seiner Art der Gestaltung weitergelebt hätte. Und ich werde in meinen Gedanken ganz still, denn: Wer sollte ich sein, über dieses Leben zu urteilen? Wer sollte ich sein, dass ich sagen könnte: Dir kann so etwas doch nicht passieren... Und mir kommen Erinnerungen an andere Menschen hoch, die ebenfalls durch ein Ereignis aus ihrer (wie wir es immer formulieren) Lebensbahn geworfen wurden.

Die Rat- und Fassungslosigkeit angesichts des Todes von Marc muss von uns umgewandelt werden in eine neue Kultur der Achtsamkeit - davon bin ich überzeugt. Aufmerksam miteinander umzugehen, damit solche Situationen, wie sie der damals 14-Jährige durchmachen musste, gar nicht erst entstehen. Kultur der Achtsamkeit heißt eben auch im Sinne des Grundgesetzes und dem sich daraus ergebenden Selbstbestimmungsrecht des Menschen keine absolute Beliebigkeit im Sinne: "Ist mir doch egal, geht mich nichts an, hat mich nicht zu interessieren..." In allen Weltreligionen finden sich Elemente dieser Kultur der Achtsamkeit. Vielleicht kann uns der Blick auf die Religionen (im Sinne ihres Wortes: "Rückhalt") helfen, eine solche Kultur der Achtsamkeit neu zu entwickeln - jenseits aller politischen Verwerfungen, die den Umgang der Religionen unter- und miteinander oft so schwer machen. Für Marc - und die möglicherweise vielen, die mitten unter uns ein ähnliches Schicksal erleiden oder zu erleiden drohen.

Quelle: RP
 
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