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Flüchtlinge in Mönchengladbach
Endlich, die Qualen sind überstanden

Flüchtlinge in Mönchengladbach: Endlich, die Qualen sind überstanden
Sie sind überglücklich, endlich in Sicherheit zu sein. Alimoh Siny (15), Mohammed Jawad (18), Najib Mia (36), Ali Hoseiny (17), Ali Rezeaei (45), und Mohammed Kazem (7). FOTO: Kilian Treß
Mönchengladbach. Sie wurden verfolgt, beschossen, beschimpft und erniedrigt. Für 96 Flüchtlinge hat das Grauen von jetzt an ein Ende. Sie sind seit gestern Morgen in der Krahnendonkhalle untergekommen und erzählen ihre Geschichte der langen Flucht. Von Kilian Treß, Leonie Hartmann und Ines Kasner

Es sind die Momente, die jedem Besucher rühren. Mohammed, gerade sieben Jahre alt, rast auf seinem Roller freudestrahlend aus dem Haupteingang der Krahnendonkhalle, dreht zwei, drei Runden und lacht über beide Ohren. Endlich darf er wieder Kind sein und nach Herzenslust spielen.

Die Qualen und Ängste, die Mohammed, seine Familie und Freunde in den vergangenen Monaten erleiden mussten, sind nur zu erahnen. Da kann sein elf Jahre älterer Cousin und Namensvetter Mohammad Jawad noch so ausführlich berichten. Von den Ängsten, Sorgen und Schmerzen, die sie Tag für Tag auf ihrer Flucht plagten.

Jeder der Flüchtlinge hat seine eigene Geschichte. Aber egal ob aus Syrien oder Afghanistan: Sie sind alle gleich dramatisch.

Mönchengladbach: Flüchtlingsunterkunft in Sporthalle FOTO: Dieter Weber

"In Afghanistan sind wir vier Tage ohne Wasser und Essen gewandert, immer auf der Flucht vor den Taliban", sagt der 18-jährige Student. "Im Iran wurden wir von der Polizei geschlagen, an der Grenze zur Türkei von der Armee beschossen", erinnert er sich. "Dangerous" - das englische Wort für gefährlich, ist Mohammeds häufigst genutzte Vokabel. "Taliban, Polizei, Grenzen, Schlepper, Bootsfahrt, Serbien, Mazedonien, Ungarn: "Alles ist dangerous". "Wir sind so glücklich, endlich in Sicherheit zu sein", sagt Mohammed Jawad.

Zuletzt durchatmen konnte er vor etwa zwei Wochen in Athen. Er hatte da gerade die gefährliche Boots-Überfahrt von der Türkei nach Griechenland überstanden. Mit 40 Leuten zusammengepfercht taumelte er in einem Mini-Boot im Mittelmeer. "Wir hatten Angst, zu ertrinken", sagt Mohammed.

Zelte für Flüchtlinge in Neuwerk aufgebaut FOTO: Theo Titz

Von Griechenland ging es dann über Mazedonien nach Serbien und Ungarn. 1500 Kilometer. Zu Fuß. Zusammen mit Zehntausenden Flüchtlingen aus seinem Heimatland, aus Syrien, aus Eritrea.

Nächstenliebe von Einheimischen bekamen sie aber kaum zu spüren. Manche wollten die Not der Flüchtlinge gar noch ausnutzen. "In Serbien verlangten Taxifahrer 100 Euro für eine 20-Kilometer-Fahrt", sagt Mohammed. "In Ungarn wollten Schlepper sogar 500 Doller für den Transfer nach Budapest." Seine Reisegeld in Höhe von 1000 Euro hatten er sowie seine Mitstreiter allerdings längst verbraucht. Auch von den Behörden konnten sie auf ihrer langen Reise keine Hilfe erwarten. "Wir fragten die ungarische Polizei nach Essen oder Getränken", sagt Mohammed. Aber die Beamten drohten und beschimpften sie. Schwangeren Frauen wurden sogar Medikamente abgenommen, berichtet Warda Buir, eine Syrerin. Ihr Kind erwartet sie in drei Monaten.

Erst in Budapest wendete sich das Blatt. "Dort haben uns hunderte Menschen versucht zu helfen", sagt Mohammed. Und plötzlich ging es ganz schnell. Mit dem Zug über Österreich nach München. Gestern Mitternacht waren sie schon in Düsseldorf. "Dort wurden alle 850 Menschen in 45 Minuten verköstigt, und dann auf die Kommunen in NRW verteilt", sagt Andreas Poos vom Fachbereich Soziales und Wohnen in Gladbach. 96 trafen nachts um 4.30 Uhr in der Krahnendonkhalle ein. "Sie waren tieftraurig, übermüdet und brauchten dringend eine Dusche", sagt Poos. "Aber es ist beeindruckend, wie toll unsere Ehrenamtler die Menschen aufgenommen haben. Es gibt nur noch glückliche Gesichter", sagt Poos.

"Mein Land bietet für mich keine Zukunft, ich musste weggehen", sagt Mohammed. Er will Ingenieur oder Arzt werden. "Und dann irgendwann meine Eltern besuchen, und sie in den Arm nehmen. Ich vermisse sie."

Quelle: RP
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