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Mönchengladbach
Ensemblia-Finale mit Beat-Box und Blog

Mönchengladbach: Ensemblia-Finale mit Beat-Box und Blog
Die Mezzosopranistin und Stimmkünstlerin Irene Kurka führte zusammen mit Martin Tchiba (Flügel) das bizarre Stück "Bring me up, bring me down" auf - eine analytische Abrechnung mit dem gleichnamigen Song von Saxobeat. FOTO: Raupold, Isabella (ikr)
Mönchengladbach. Im Haus Erholung fasziniert der Komponist, Bariton und Performer Moritz Eggert mit einem hoch anspruchsvollen und unterhaltsamen Programm. Befreundete Musikerkollegen unterstützen ihn beim Ensemblia-Abschlusskonzert. Von Christian Oscar Gazsi Laki

Das Abschlusskonzert der Ensemblia war zugleich ein besonderer Höhepunkt des Festivals. Wenngleich mehr Publikum den Weg ins Haus Erholung hätte finden können. Es gab reichlich Stoff für Verächter "des musikalischen Fastfood". Davon gebe es schon genug, wie Bürgermeister Ulrich Elsen in seinem Grußwort bekräftigte. Ensemblia, insbesondere dieses Konzert, präsentiere keine leichte Kost, sei eine musikalische Mutprobe. In der Tat ist zu erwarten, dass, wenn Moritz Eggert, er wird dieses Jahr 50, und "Friends" ein Programm gestalten, auch angenehm Unbequemes aufs Tableau kommt.

Eggert, bekannt durch Musiktheater, Ensemble- und Sololiteratur, ist Komponist, zugleich selbst Interpret seiner Werke: Pianist, Sänger, Sprecher - Performer. Seine Musik, besonders in Zusammenschau mit seinen Texten, ist auch mal ein Schlag ins Gesicht bildungsbürgerlicher wie auch kleinbürgerlicher Hörgewohnheiten, wenn es diese gibt. Er legt Finger in offene Wunden nicht nur der Hochkultur - Eggert wühlt im Jetzt.

Als Komponist setzt sich Moritz Eggert, geboren 1965 in Heidelberg, gern zwischen alle Stühle. Hier liest er aus einem Blog über Musik. FOTO: Isa Raupold

Wie er feststellt, fühlt er sich in dieser Rolle nicht unwohl. Es wäre aber verfehlt, ihn allein als engagierten Provokateur darzustellen. "Ohrwurm" - obsessives Durchexerzieren des bekannten Phänomens -, passt vielleicht in diese Schublade. Gleiches gilt für den unerträglichen Hit "Mr. Saxobeat", den Eggert aus Rache für erlebte Dauerbeschallung im Urlaub gründlich dekonstruiert in dem Stück "Bring me up, bring me down" (2013). Beide musikalischen Marathonläufe wurden mühelos gemeistert vom brillierenden Martin Tchiba (Piano) und der fokussiert schlanken, charaktervoll ins Raue neigenden Sopranstimme Irene Kurkas.

Eggert rezitierte auch aus dem "Bad Blog of Musick". Darin findet sich unter anderem eine herrliche Analyse der Probleme der im Schlaf befindlichen "klassischen Musik". Auch genial die fiktive "Lebensbeichte einer Klarinettistin im Orchester von André Rieu". Ein Schuss in die Knie des seichten Stars Rieu, der trotz der Härte der Aussagen in Gedichtform etwas rokokohaft Leichtes gewinnt.

Das Ensemblia-Logo prägte fünf Tage lang das Kulturleben in Mönchengladbach. FOTO: NN

Am offenkundigsten jedoch wurde die diskursive Kraft seines Schaffens in der Uraufführung der Klavierfassung von "Ich akzeptiere die Nutzungsbedingungen"(2014). Lakonisch, fast zerstörerisch seicht, klingt diese ausschnittweise Vertonung von Googles Nutzungsbedingungen. Mal ins Teuflische entgleist oder auch überhöht pathetisch. Kalter Schweiß, spätestens wenn man realisiert, was genau dort drin steht.

Eggert selbst übernahm die Rolle des Baritons, zeigte, wie vielseitig seine Fähigkeiten sind. Er kann sogar Beatboxing in stimmakrobatischer Meisterschaft, vorgeführt im 10. Teil seines Zyklus "Hämmerklavier", wobei er übrigens ganz ohne Klavier auskommt!

Herauszustellen ist auch Paul Hübner (Preisträger des Kompositionswettbewerbs der Ensemblia 2013). Diesmal ganz Trompeter, spielte er Eggerts Neufassung von "Fanfaren/Signale" und "Im Kasten". Hübner weiß um Ironie, grüblerische Introvertiertheit oder extrovertierten Wahnwitz der Musik. Interessant das Instrument, für das "Im Kasten" geschrieben wurde, eine einzigartige Tripeltrompete - mit drei Schalltrichtern, von denen einer mit Hilfe eines Gartenschlauchs effektvoll in einen Mülleimer geführt wurde. Ein würdiger Abschluss für die Ensemblia 2015.

Quelle: RP
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