| 00.00 Uhr

Serie Mein Erstes Auto (8)
Enten-Eskorte am schönsten Tag im Leben

Serie Mein Erstes Auto (8): Enten-Eskorte am schönsten Tag im Leben
Eigentlich sollte das junge Brautpaar mit einem "großen" Auto zur Kirche gefahren werden. Aber Helene Langen bestand auf einen "Ententransport". FOTO: Privat
Mönchengladbach. Der Citroen 2 CV ist für die einen nur ein kleines Auto. Für Helene Langen ist er eine Lebenseinstellung - und der einzige Wagen, in dem ihre kleine Nichte nicht spuckte. Kleinere Karambolagebeulen und Roststellen an ihrer Ente beklebte die angehende Lehrerin mit Prilblumen. Von Gabi Peters

Eine Ente mit einem Eierkarton auf dem Dach? Beim Citroen 2 CV von Helene Langen war das kein Problem. Sie kutschierte mit ihrer Ente nicht nur rohe Eier durch die Stadt, sie fuhr darin auch zur kirchlichen Trauung und in den Urlaub. Was sie alles erlebte, erzählt Helene Langen hier:

Nach der Trauung, auf dem Weg zum Restaurant, wurde das Hochzeitsauto von anderen Enten eskortiert. FOTO: Helene Langen

"1972. Mein Verlobter studierte noch. Ich würde bald meine erste Anstellung als Lehramtsanwärterin antreten. Um die Ausbildungsschulen erreichen zu können, musste ein Auto her. Da mein Verlobter nach erfolgter Gesellen- und Meisterprüfung Elektrotechnik studierte, bekam er keinerlei Ausbildungsbeihilfen und musste von seiner Arbeit in den Ferien leben. So reichte es gerade noch zu einem gebrauchten dunkelroten Citroen 2 CV, 16 PS, zwei Zylinder, Spitzengeschwindigkeit 80 km/h, einer ,Ente'. Ich verdiente 700 DM im Monat, und wir ,mussten' standesamtlich heiraten, damit ich 200 DM Zuschlag bekam. Davon musste dann zu allen Unkosten auch noch eine kleine Wohnung bezahlt werden. Das funktionierte damals.

Und so wurde ich stolze Fahrerin einer Ente. Als erstes lernte ich, mit der Revolverschaltung klarzukommen, dann, dass sich alle Entenfahrer mit dem V-Zeichen, zwei zum V gehaltenen Zeige- und Mittelfinger, grüßten. Echt cool war es, bei geöffneter Fensterklappe mit dem Ellbogen auf dem Türrahmen bei höchster Geschwindigkeit dahinzutuckern. Da nahm man es in Kauf, dass bei Betätigen des Blinklichts schon mal der Hebel auf dem Schoß landete. Oder dass beim Abrutschen das Gaspedal sich ausklinkte. Dann hängte man es eben wieder ein.

Einmal freute ich mich an einer Ampel, dass andere Autofahrer so toll winkten. Bis ich dann mitbekam, dass ich beim Einräumen nach dem Einkaufen den Eierkarton auf dem Dach vergessen hatte. Das Stoffdach hing ja leicht durch. Also kein Problem!

Ein andermal setzte ich zu rasant rückwärts aus der Einfahrt heraus und rammte mit der Stoßstange einen Holzzaun. Kurze Zeit später bei Dunkelheit und Regen schrammte ich mit dem Kotflügel an einer Mauer vorbei. Da kam dann eben wie auf die anderen Roststellen eine neue Prilblume drauf!

Na ja, zwei Monate später war das erledigt. An einer Kreuzung fuhr mir ein Auto hinten auf, und meine Ente erhielt eine neue Stoßstange und einen neuen Kotflügel spendiert. Das Tollste daran war, dass ich für eine Woche einen Leihwagen bekam, einen schwarzen 2 CV 6. Der fuhr Spitze 120 km/h. Das habe ich täglich auf der Landstraße ausgereizt.

Dann kam der Tag unserer kirchlichen Trauung. Vater und Schwiegervater boten uns an, uns mit ihren ,großen' Autos zur Kirche zu fahren. Ich hatte andere Vorstellungen. Mein Mann sollte mich doch für den Rest meines Lebens begleiten. Warum sollte er mich dann nicht auch an einem so wichtigen Tag selber fahren? Ich kannte und kenne zwar niemanden, der das je so gehandhabt hat, aber was soll's? Das Brautpaar fuhr alleine zur Kirche.

Reis bekamen wir nach der Trauung gestreut, aber die Blumenkinder, meine Nichte Anke, zweieinhalb Jahre, und mein Neffe Andreas, vier Jahre, weigerten sich, die Blüten herzugeben. Sie durften aber bei uns im Auto mitfahren. Das hatte auch praktische Gründe. Anke pflegte im Auto ihrer Eltern regelmäßig zu spucken, in der Ente nie. Da stand sie hinter den Vordersitzen und war vergnügt. Es gab ja noch keine Anschnallpflicht. Auf dem Weg zum Restaurant wurden wir eskortiert von Willi mit seiner himmelblauen und Hepa mit seiner schwarzen Ente. Auf dem Parkplatz angekommen, bewarfen sich die Blumenkinder dann mit den Blüten. Verheiratet sind wir auch noch immer.

Es war Ende der 70er Jahre, als die Geschichte unseres 2 CV beendet war. Auf dem Weg in den Urlaub nach Saas-Fee in der Schweiz ging einer der beiden Zylinder kaputt. Für den Rückweg brauchten wir 24 Stunden, zuletzt mit 40 km/h über die Autobahn. Nicht nur die teure Reparatur hätte angestanden, sondern auch ein Nachrüsten nach den geltenden Sicherheitsvorschriften. So verabschiedeten wir uns von unserer Ente."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Mein Erstes Auto (8): Enten-Eskorte am schönsten Tag im Leben


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.