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Mönchengladbach
Er lief dreieinhalb Mal um die Erde

Mönchengladbach. Günther Wierum (74) bereitet sich im Fit-für-21-Team auf den Santander-Halbmarathon vor. Damit beendet er seine Läuferkarriere. Von Dirk Richerdt

Wir sitzen im Wohnzimmer der Wierums. Mein Blick gleitet über Schränke, Regale und einen Vertiko. Doch er wird nicht fündig. "Wo stehen denn die Pokale von Ihren Laufwettbewerben?", frage ich Günther Wierum (74). Seine Antwort: "Ich habe nach dem Tod meiner ersten Frau einen Schnitt gemacht und mich von Urkunden und Pokalen getrennt." Und warum? "Nachdem bei mir Arthrose in den Knien festgestellt worden war, habe ich mit dem Laufen aufgehört. Jedenfalls mit den Wettkämpfen. Meine Frau Ursula und ich haben verabredet, dass ich keine Rennen mit Zeitmessung mehr laufe. Und im Gegenzug verzichtete ich dafür aufs Motorradfahren", ergänzt Ursula Wierum lachend.

Diese bei ihrer Heirat vor neun Jahren beschlossene Vereinbarung wird der gelernte Buchdrucker, der später im Bertelsmann-Konzern in eine neue Berufslaufbahn einstieg, nun brechen. Mit Einverständnis seiner Frau. Am 4. Juni will Wierum "mein letztes Rennen" laufen. Und zwar als Mitglied des Teams "Fit für 21", in dem mehr als 130 Freizeitläufer sich derzeit auf den Santander-Halbmarathon vorbereiten. Dazu zitiert Wierum gern den Titel des populären Films, in dem Dieter Hallervorden einen 80-jährigen Ex-Marathonläufer mimt, der sich vornimmt, ein letztes Mal diese Langdistanz zu schaffen, und eisern das Training aufnimmt. Das kindische Basteln von Kastanienmännchen im Seniorenheim lehnt er ab.

Vom Basteldrang ist Günther Wierum weit entfernt, er hat vor acht Jahren Kontakt zu einem Lauftreff geknüpft und läuft dort zweimal wöchentlich fünf bis zehn Kilometer. "Aber immer hübsch gemütlich, im Tempo sieben Minuten und langsamer je Kilometer", sagt er. Für den Santander-Halbmarathon steht insoweit seine angestrebte Zielzeit schon fest: "Unter 2:30 Stunden ankommen." Danach wolle er mit dem gesundheitsorientierten Ausdauerlauf nicht aufhören. "Ich trabe weiter mit einer Damengruppe, bis die Gelenke quietschen", verkündet er. Der vor zehn Jahren aus Ostwestfalen der Liebe wegen an den Niederrhein umgesiedelte Günther Wierum blickt auf drei Jahrzehnte höchst ambitionierter Laufpraxis zurück.

Dabei war er, als er mit dem Training anfing, schon 37. "Damals rauchte ich wie ein Schlot und brachte 120 Kilo auf die Waage", erinnert er sich. "Als mein Hausarzt mich vor der Gefahr eines Herzinfarktes warnte, legte ich den Schalter um." Wierum schaffte sich einen Dalmatiner an und ging mit Charly spazieren. Der Vierbeiner zog ständig an der Leine, wollte es flotter. So kam sein Herrchen ans Laufen.

Dass er dafür viel Talent mitbringt, hatte bereits der 21-jährige Günther bei der Bundeswehr feststellen können. Da schaffte er 5000 Meter spontan in 18 Minuten. Als er dann im Oktober 1979 in Hamm seinen ersten Marathon lief, zeigte die Zieluhr 3:13:51 Stunden an. Es sollten 80 weitere Marathon-Finishs folgen, darunter Läufe in Boston, fünfmal in New York, auf Hawaii, im japanischen Miyasaki oder rund um den See Genezareth in Israel. Seinen schnellsten Marathon absolvierte Wierum am 13. Mai 1984 in Frankfurt in 2:35:20 Stunden. Mit 43 Jahren! "Der eindrucksvollste Lauf war für mich aber ein Halbmarathon 2001 in Peking", sagt er. Auch an Ultra-Strecken wagte sich Wierum: Zweimal schaffte er die 100-Kilometer-Distanz, mit 7:37:50 Stunden stellte er 1987 einen bisher nicht mehr getoppten Kreisrekord auf.

Doch es gab auch bedrückende Erfahrungen. Bei einem Marathon im australischen Melbourne musste er nach sieben Kilometer abbrechen: "Mein linkes Knie war stark angeschwollen und schmerzte fürchterlich." Dennoch lautet sein Fazit im Rückblick eindeutig positiv: "Laufen tut nicht nur dem Körper wohl. Man kann dabei wunderbar abschalten und berufsbedingten Stress abbauen." Bis 2006 legte er rund 144.700 Laufkilometer zurück. Das ist so viel, als hätte er dreieinhalb Mal die Erde umrundet.

Für Ostersonntag weist sein Trainingsplan aus, dass er 18 Kilometer im 70-Prozent-Modus laufen soll. "Klar werde ich das machen", versichert er. Schließlich will er die 21,1 Kilometer durch Mönchengladbach am 4. Juni ohne Probleme hinter sich bringen. Wer allerdings erwartet, dass dabei möglicherweise der Ehrgeiz wieder in ihm wach wird, dem gibt Günther Wierum in nüchternem, bodenständigem Westfälisch knurrend Bescheid: "Kommt gar nich' inne Tüte."

Quelle: RP
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