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Klaus Röttgen
Es gibt keinen schöneren Job als Sozialarbeiter

Klaus Röttgen: Es gibt keinen schöneren Job als Sozialarbeiter
Klaus Röttgen setzt auf einen sozialraumorientierten Ansatz und will mehr Ehrenamtler in die Arbeit miteinbinden. FOTO: Raupold
Mönchengladbach. Der neue Leiter des Jugendamts spricht über Kinderarmut in Mönchengladbach, Hilfen zur Erziehung und die Kita-Situation.

Herr Röttgen, Sie sind seit 1. Oktober neuer Jugendamtsleiter in Mönchengladbach und Chef von rund 1000 Mitarbeitern. Wie viele haben Sie davon schon kennengelernt?

Röttgen Alle natürlich noch nicht, aber ein paar hundert schon. Ich bin von Tür zu Tür gelaufen, zuerst in den Verwaltungszentren in Mönchengladbach und Rheydt. Nach und nach möchte ich auch alle Kitas besuchen, jede Woche eine. Bei 38 städtischen Kitas dauert das natürlich ein bisschen, aber in der Kernverwaltung möchte ich die Mitarbeiter bis Ende dieses Jahres kennengelernt haben. Das gehört zu meiner Philosophie: Die Mitarbeiter müssen den Leiter kennen und wissen, wie er tickt.

Sie waren vorher Leiter aller Kölner Bezirksjugendämter. Gibt es einen Unterschied zwischen Gladbach und Köln? Oder sind Probleme, Strukturen, Methoden ähnlich?

Röttgen Es gibt natürlich Unterschiede. Kein Jugendamt in Deutschland ist wie das andere organisiert. Hier in Gladbach ist die Vielfältigkeit der Organisation noch ausgeprägter als in Köln. Zum Fachbereich gehören auch die Familienberatung, die Streetworker und die Schulsozialarbeiter. Das finde ich sehr positiv.

Was sind aus Ihrer Sicht spezifisch Gladbacher Probleme?

Röttgen Die Armutsquote bei den Kindern ist schon deutlich höher als in Köln. 32,8 Prozent der Gladbacher Kinder leben in Familien, die Leistungen nach SGB II beziehen, also Hartz IV. Das ist ein überdurchschnittlich hoher Wert, eher mit Gelsenkirchen als mit Köln zu vergleichen. Damit gehen hohe Kosten für die Hilfen zur Erziehung einher.

Die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung steigen immer weiter an. Ist das eine Spirale, die nicht aufzuhalten ist?

Röttgen Die Kosten steigen bundesweit. Es ist ein Trend, den man abbremsen, aber nicht komplett stoppen kann. Ich bringe aus Köln viel Erfahrung mit der Steuerung der Hilfen zur Erziehung mit. Man kann darüber nachdenken, wie man die Kostensteigerung abbremst, aber man darf nicht vergessen, dass dahinter Menschen stehen. Schließlich geht es darum, die passende Hilfe für Kinder, Jugendliche und deren Familien bereitzustellen, um sie entsprechend dem gesetzlichen Auftrag zu unterstützen.

Welche Gründe gibt es für diese Probleme?

Röttgen Die Gründe sind vielfältig liegen aber im Besonderen in der sozioökonomischen Struktur der Stadt. Man kann den Zusammenhang zwischen dem Bezug von Hartz IV und den Hilfen zur Erziehung statistisch nachweisen. Kinderarmut führt zu einem erhöhten Bedarf bei den Hilfen zur Erziehung. Es ist aber auch so, dass in den vergangenen Jahren der Präventionsbereich Gott sei Dank sehr ausgebaut wurde. Zudem hat der Gesetzgeber die Anforderungen an den Kinderschutz richtigerweise erhöht. Wir sehen mehr hin und erkennen deshalb die Probleme auch eher. Das Dunkelfeld wird erhellt.

Armut geht aber nicht notwendigerweise mit Vernachlässigung einher.

Röttgen Nein, natürlich nicht. Das ist kein Automatismus.

Warum gibt es dann diesen Mangel an Erziehungsfähigkeit?

Röttgen Ich bin kein Soziologe, ich komme aus der Praxis und ich meine, dass es einen bunten Strauß an Gründen gibt. Zum einen sind die traditionellen Rollenbilder und Verhaltensmuster verloren gegangen. Zum anderen gibt es in vielen Familien nicht mehr das Ritual der gemeinsamen Mahlzeit, bei der auch über die täglichen Erlebnisse der Kinder gesprochen wird. Außerdem beschäftigen wir uns alle heute mehr mit Medien. Wenn Eltern mit ihren kleinen Kindern unterwegs sind und ständig auf das Smartphone schauen, also den Kindern indirekt vermitteln, dass immer etwas anderes wichtiger ist, dann macht das etwas mit den Kindern. Kinder brauchen Bezugspersonen, die sich kümmern, sonst können sie verhaltensauffällig werden. Insofern ist es gut, dass die pädagogischen Angebote heute sehr früh ansetzen. Durch das Recht auf den Kita-Platz und jüngst auf einen U3-Platz ist sehr viel in Bewegung gekommen.

Wie kommt man am besten an die Familien und Kinder heran, die Hilfe und Unterstützung brauchen?

Röttgen Je früher wir die Kinder erreichen, desto besser. Deshalb ist das HOME-Projekt so gut. Da erreichen wir die Kinder in Kitas und Grundschulen in einem Alter, in dem man noch viel bewegen kann. Aber neben HOME kann man noch mehr tun. Es gibt viele Angebote, die man vernetzen kann. In den Stadtteilen sind auch Kirchengemeinden, Ehrenamtler oder Studenten aktiv, die Nachhilfe geben. Die muss man in die Sozialarbeit einbeziehen und das Wohnumfeld verbessern, dann müssen es nicht immer Hilfen zur Erziehung sein.

Wollen Sie so den Trend zu mehr Hilfen zur Erziehung abbremsen?

Röttgen Ja, unter anderem. Man muss aber auch immer nach der passenden Hilfe suchen. Ein fiktives Beispiel: Eine Mutter hat drei Kinder von drei verschiedenen Vätern. Der jüngste Sohn ist verhaltensauffällig, der Haushalt wirkt verwahrlost. Der Mutter wird eine Familienhilfe zur Seite gestellt. Das kann über Jahre gehen, ohne dass sich etwas an der Verhaltensauffälligkeit des Kindes ändert. Was, wenn der Junge beispielsweise seinem Vater ähnelt, der gewalttätig war und die Mutter ihre Ablehnung unbewusst auf den Sohn projiziert? Dann braucht die Familie therapeutische Unterstützung, nicht nur Familienhilfe. Um so etwas zu erkennen, müssen die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) sehr gut qualifiziert sein. Sie haben einen schweren Job, wir dürfen sie nicht allein lassen. Ich sehe es als meine Aufgabe an, für Unterstützung zu sorgen.

Sind alle Stellen beim ASD besetzt?

Röttgen Es gibt eine hohe Fluktuation. Aber der ASD ist die Königsdisziplin der Sozialarbeit. Wir brauchen dafür die besten Sozialarbeiter. Deshalb gibt es ein Einarbeitungsprogramm für junge Mitarbeiter. Sie tragen eine hohe Verantwortung und fühlen sich sonst schnell überfordert. Die Aufgaben verlangen ein Team, das sich austauscht, einen Vorgesetzten, der den Kollegen den Rücken stärkt, und kontinuierliche Weiterqualifizierungen. Aber es gibt nach meiner Einschätzung keinen schöneren Job als Sozialarbeiter.

Haben Sie auch schon beim ASD gearbeitet? Welchen beruflichen Werdegang haben Sie hinter sich?

Röttgen Ja, ich habe acht Jahre beim ASD gearbeitet. Ich weiß auch, wie das ist, Kinder aus Familien zu holen. Nach dem Studium der Sozialen Arbeit habe ich in einem sozialen Brennpunkt gearbeitet. Später habe ich die Leitung eines Bezirksjugendamtes übernommen.

Was macht die Arbeit beim ASD so schwierig?

Röttgen Die Grauzone. Es gibt einerseits den Leistungsbereich, da werden mit den Eltern Ziele erarbeitet und vereinbart. Andererseits gibt es den Gefährdungsbereich, wo wir es mit Vernachlässigung, Gefährdung oder Gewalt zu tun haben. Da ist klar, was gemacht wird: Die Kinder müssen meist aus der Situation herausgeholt werden. Dazwischen aber liegt der Graubereich: zum Beispiel heroinabhängige Eltern im Methadonprogramm, die man immer wieder überprüfen muss. Eben dafür braucht man sehr gut qualifiziertes Personal.

Sie sind nach Gladbach gekommen, in eine Stadt, die kein Geld hat, allerdings immerhin erstmalig wieder einen ausgeglichenen Haushalt. Macht das die Arbeit für Sie nicht viel schwieriger?

Röttgen Mangelnder finanzieller Spielraum setzt natürlich Grenzen, aber ich bin davon überzeugt, dass der sozialraumorientierte Ansatz einerseits als Kostenbremse wirkt, andererseits aber auch die Lebenssituation von Menschen wirklich verbessert. Das HOME-Projekt ist ein hervorragender Einstieg, aber wir müssen weiter denken. Müssen in manchen Quartieren die Familienzentren um mehr Erziehungsberatungsangebote erweitert werden? Muss manchmal einer jungen Mutter nur ein Babysitter vermittelt werden, damit sie mal eine Pause hat? Braucht man eine Schreiambulanz für Säuglinge? Wir müssen die Quartiersarbeit ausbauen. Es müssen nicht immer Hilfen zur Erziehung sein. Auch der Fußball mit seinem hohen Identifikationspotenzial in dieser Stadt kann nutzbar gemacht werden.

Thema Kitas. Wie ist die Lage? Haben schon Eltern ihr Recht auf einen Kita-Platz eingeklagt?

Röttgen Nein, aber alles ist auf Kante genäht. Wir brauchen mehr Kitas und kommen um Neubauten nicht herum. Gesellschaftliche Entwicklungen lassen sich nicht immer vorhersagen, mit einer solchen Nachfrage bei den unter Dreijährigen hat vor Jahren niemand gerechnet. Und auch das Konzept Wachsende Stadt setzt Entwicklungen in Gang, die dazu führen, dass wir mehr Kindergartenplätze brauchen. Wir werden uns auch um die Randzeiten kümmern müssen. Neulich hat die erste Nacht-Kita in Essen aufgemacht. Ich habe mich dabei gefragt, ob das pädagogisch zu verantworten ist. Da aber die Arbeitszeiten vieler Menschen immer ausgeprägter werden, müssen wir Antworten finden. Wenn eine Verkäuferin um 22 Uhr noch im Supermarkt an der Kasse sitzt, dann braucht sie vielleicht ein besonderes Betreuungsangebot für ihr Kind.

Hatten Sie schon Zeit, sich mit den Spielplätzen zu beschäftigen?

Röttgen Ich finde den Ansatz, Qualität vor Quantität zu stellen, sehr positiv. Wir brauchen zwei Arten von Spielplätzen: die ortsnahen Quartiersspielplätze und die Spielparks als Highlight-Spielplätze, für die man auch Wege auf sich nimmt. Wichtig ist, dass die Spielplätze Angebote für verschiedene Altersgruppen bereit halten. Und dass auch die Eltern sich dort wohlfühlen.

Was sehen Sie als Ihre größte Herausforderung im neuen Job an?

Röttgen Die größte Herausforderung ist es sicherlich, den Mitarbeitern die großen Möglichkeiten des sozialraumorientierten Ansatzes zu vermitteln und damit so etwas wie Aufbruchsstimmung zu schaffen. Wir haben einen tollen Job, in dem man sehr viel gestalten kann. Meine Aufgabe ist es, die Mitarbeiter so zu unterstützen, dass sie den besten Job für die Menschen in der Stadt machen können.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN GABI PETERS, ANGELA RIETDORF UND DIETER WEBER.

Quelle: RP
 
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