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Serie Denkanstoss
Europa - die beste Friedensidee

Mönchengladbach. Ich bin leidenschaftlicher Europäer. Es ist wohl an der Zeit, das noch einmal zu sagen. Angesichts der vom Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean Claude Juncker, im Blick auf Euro-Sorgen, Flüchtlingsdissens und Brexit-Beschluss festgestellten "Polykrise Europas" komme es jetzt darauf an, die europäische Idee mit Begeisterung zu vertreten und nicht nur auf Wirtschaft und Frieden zu verweisen, heißt es. Aber was heißt hier "nur"? Von Stephan Dedring

Als Kind wurde ich einmal von meinen Großeltern auf der Rückbank ihres VW-Käfers unter einer Decke versteckt und durfte mich nicht rühren, als wir die niederländische Grenze passierten, weil sie sich auf der Fahrt in den Urlaub Schikanen durch die Grenzbeamten wegen eines Kindes ohne Kinderausweis ersparen wollten. Ein ortsunkundiger Mensch kann heute an vielen Stellen überhaupt nicht mehr erkennen, wo Deutschland aufhört und die Niederlande beginnen. Zur selben Zeit in den 60er Jahren haben wir auf dem Schulhof der Grundschule in den Pausen eine Art Fangen gespielt, das "Deutschland erklärt den Krieg gegen ..." hieß. Niemand hat dabei offenbar ein Problem gespürt.

Nein, Frieden ist nicht selbstverständlich! Das sehen wir zur Zeit wieder deutlich in der Türkei und beim Konflikt im sogenannten "Chinesischen" Meer. Europa ist für uns und unsere Weltregion die beste Friedensidee des 20. und 21. Jahrhunderts! Und trotz mancher Demokratiedefizite ist ein Besuch im Europäischen Parlament in Straßburg mit den permanenten Übersetzungen in viele Sprachen ein beinahe pfingstliches Erlebnis. Auch der wirtschaftliche Erfolg, der besonders bei uns zu spüren ist, ist nicht selbstverständlich. Geht es uns vielleicht zu gut, dass wir diese wichtigen Dinge oft so geringschätzen und uns mit Rumnörgeln an natürlich auch zu findenden Problemen aufhalten und uns gefährlich nostalgisch in eine angeblich so gute alte nationale Zeit, die es so nie gab, zurücksehnen? Die Briten haben davon bereits einen Kater...

Aber Europa ist tatsächlich mehr: Mich fasziniert immer wieder, den Raum unserer gemeinsamem Kultur mit allen verschiedenen Facetten und unterschiedlichen Perspektiven bei so großer Verwandtschaft zu erkunden. Ich sehe ein römisches Tor in Rom und in Trier, romanische Kirchen in Barcelona und in Köln, gotische Kathedralen in Chartres, Salisbury und Riga, einen Renaissance-Hof in Krakau wie in Florenz... Musik, bildende Kunst, Literatur, sie alle gehören zu der einen großen europäischen Familie - und ich freue mich auch auf die Champions- oder Europa-League mit unserer Borussia. Darum gilt eigentlich auch für Europa das berühmte Wort von Willy Brandt: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört." Leider wurde diese Zusammengehörigkeit durch tragische Konflikte, Machtkämpfe und Kriege oft und lange übertönt. Bei so mancher Urlaubsreise lässt sich aber das gemeinsame Haus Europa in diesen Wochen wieder erleben. In einer großen Familie gibt es natürlich immer wieder mal Streit. Aber nur gemeinsam werden wir die weltweiten Herausforderungen in Zukunft bestehen können, um Freiheit, Frieden, Kultur und Rechtsstaatlichkeit zu bewahren. Sind wir dazu bereit oder fühlt sich das heutzutage utopisch an? Wie gesagt: Ich bin leidenschaftlicher Europäer.

DER AUTOR IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE RHEYDT.

Quelle: RP
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