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Mönchengladbach
Ferne, zarte, böse Zeiten

Mönchengladbach. Literarischer Sommer: Ursula Ackrill liest aus ihrem hochgelobten Roman "Zeiden, im Januar". Eine anstrengende, neugierig machende Begegnung. Von Armin Kaumanns

Sie ist eine zarte, dünnhäutige Person, wie sie da unterm Applaus des Publikums Platz nimmt auf dem Podium mit Tisch, Mikrofon und Wasserflasche, der typischen Ausstattung einer Dichterlesung: Ursula Ackrill (42) gibt in luftigem, blaugrauen Seidenkleid aus herzlich scheuen, dunklen Augen die Freundlichkeit zurück, die ihr entgegenschwillt. Sie ist von Stralsund mit dem Zug an den Niederrhein gereist, um unterm Dach von "Kult+Genuss" aus ihrem Debüt zu lesen: "Zeiden, im Januar".

Wieder mal sucht Moderatorin Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW mit diffusen Fragen einen direkten Zugang zur Autorin, nachdem Arno van Rijn von der gastgebenden Stadtbibliothek sich bei den Sponsoren bedankt hat. Von unten, aus dem Gastraum, klirren Gläser, der Vortragsraum erinnert an einen Ort im Roman, der von einem Nest in Siebenbürgen im Januar 1941 aus in die Weltgeschichte mäandert. Ursula Ackrill stammt aus dieser Gemeinschaft Siebenbürger Sachsen, die in Rumänien eine wenig beachtete deutschsprachige Minderheit bildete, bevor sie nach dem Fall der Grenzen weitgehend auswanderte.

Die Autorin, die Erinnerungen ihrer Großeltern und historische Quellen mit Fiktionalem verbindet, hat es ins britische Nottingham verschlagen, wo sie in der Bibliothek arbeitet. Das "Heim ins Reich" der deutschen Nazis spaltete 1941 die Gemeinde der Ausgegrenzten in Mitläufer und Freidenker. Das zunächst private "Chaos der Erinnerungsbruchstücke" in Ackrills Kopf hat sie in eine komplexe, durch Zeiten und Perspektiven springende, irgendwie romantische Sprache gebändigt, ihr Roman schoss auf die Shortlist der Leipziger Buchmesse.

Ursula Ackrill liest widerständig. Die britischen "R" kullern wie Wackersteine durch die Sätze, oft überholen sich die Worte, verhaspeln sich, wollen wiederholt werden. Das macht zusätzlich Mühe beim Nachvollziehen des Komplexen, das im Text an diesem Januartag 1941 zusammenfließt. In Erinnerung bleibt Ackrills Ton, ihre leise, verletzliche Sympathie für die handelnden Personen, die Empathie und Distanz zugleich ist.

Ihrem Text gelingt wie nebenbei der Sprung ins Heute, in dem Identität in Minderheiten wieder ein großes, virulentes Thema ist - auf allen Seiten der Gesellschaften Europas. Auf entsprechende Fragen aus dem Publikum antwortet Ursula Ackrill leise und weise, in der Sache engagiert aber undogmatisch. Auch zum "Brexit", der ihren Alltag verändern wird. Das macht neugierig auch auf ihr neues Buch, das im Entstehen ist.

Quelle: RP
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