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Serie Denkanstoss
Festung Europa?

Mönchengladbach. Albert Damblon fragt sich in seinem heutigen Beitrag, warum Kriegsrhetorik in weiten Teilen Europas derzeit Hochkonjunktur hat. Flüchtlinge jedenfalls seien mitnichten hochgerüstete feindliche Truppen. Von Albert Damblon

Es war kein Gag. Am Karnevalssamstag zog Pegida durch Dresden. In einigen anderen Städten Europas gab es ähnliche Aufmärsche, bei dem kein Mensch am Straßenrand Halt Pohl rief. Man hatte nicht die Rosenmontagszüge vorgezogen. Unter dem Thema "Festung Europa" versammelten sich Menschen, die sich Flüchtlinge vom Leibe halten wollen. Aber soviel ich weiß, sind sie ihnen in Dresden gar nicht zu nahe gekommen.

Wer sich informiert, weiß, dass eine Festung ein durch militärische Wehranlagen stark befestigter Ort ist. Generäle planten sie. Ihr wichtigster strategischer Wunsch war, solche Stellungen vor Feuerwaffen feindlicher Truppen zu schützen. Architekten setzten die Überlegungen systematisch um. Gleichzeitig hatten die Soldaten, die sich in der Festung befanden, die Möglichkeit zurückzuschießen.

Schießscharten wurden in die Mauern miteingebaut. Eine gute Festung hielt also den Angriffen der Kanonen stand und diente der Verteidigung. Aus diesem Grund blühte der Festungsbau seit der Erfindung des Pulvers im 15. Jahrhundert. Im Zweiten Weltkrieg hat Adolf Hitler strategisch wichtige Orte per Führerbefehl zu Festungen erklärt. Es waren Durchhalteparolen, sonst nichts.

Herrscht in Europa Krieg? Wird unser Kontinent von feindlichen Truppen angegriffen und stehen Kanonen an unseren Grenzen? In den Nachrichten begegnen mir frierende, erschöpfte Menschen, die dem Krieg entkommen wollen. Ihre Städte sehen inzwischen fast genauso aus wie Dresden 1945 nach dem verheerenden Bombenangriff. Um in Sicherheit vor der Kriegsmaschinerie ihrer Heimat zu sein, machen sie sich Tausende Kilometer auf einen gefährlichen Weg.

Selbstverständlich kann kontrolliert werden, damit Terroristen und Kriminelle möglichst schnell entdeckt werden. Aber Flüchtlinge sind keine hochgerüsteten feindlichen Truppen, und Europa befindet sich nicht im Krieg. In das Bild der Festung Europa passt, wenn Karnevalisten mit der Attrappe eines Wehrmachtspanzers durch die Straßen ziehen und Politikerinnen einen Schießbefehl an Europas Grenzen erteilen. Das ist keine Alternative. Erst recht ist es nicht christlich.

DER AUTOR IST SEELSORGER AN ST. BENEDIKT. DIES IST AUS EIGENEM WUNSCH SEIN LETZTER DENKANSTOSS.

Quelle: RP
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