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Mönchengladbach
Flüchtlingsgeschichten gestern und heute

Mönchengladbach: Flüchtlingsgeschichten gestern und heute
Sie stellten aktuelle und die historische Geschichten von Flucht und Vertreibung nebeneinander. FOTO: Raupold
Mönchengladbach. Der Q1-Geschichtskurs des Math.-Nat.-Gymnasiums hat sich mit Flucht-Schicksalen auseinandergesetzt und sie multimedial aufbereitet. Es war nicht leicht, Menschen zu finden, die vor der Kamera von ihren Erfahrungen berichten. Von Angela Rietdorf

Sie haben eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account. Sie haben eine App erstellt, drehen Videos und stellen sie bei Youtube ein. Sie sind alle mit Tablets ausgerüstet und können ihre Inhalte auf dem großen Bildschirm im Klassenzimmer zeigen und teilen. Der Q1-Grundkurs Geschichte am Math-Nat.-Gymnasium ist technisch ungewöhnlich gut aufgestellt. Die 18 Schüler des Kurses können über eine digitale Ausrüstung im Wert von 20.000 Euro verfügen. Und die setzen sie ein, um das Thema Nationalsozialismus, das der Lehrplan vorgibt, einmal anders anzugehen. Mit einem Blick auf Fluchterfahrungen und Fluchtgeschichten nämlich.

Diese Verknüpfung von digitaler Technik, sozialen Medien und der Arbeit mit Zeitzeugen ist ungewöhnlich, aber sehr stimmig und begeistert die Schüler des Geschichtskurses erkennbar. Die Motivation ist hoch. "Wir brauchen nur eine Idee zu entwickeln, dann findet sich auch jemand, der sie meist schon bis zur nächsten Stunde umgesetzt hat", sagt Helen Langer, die Geschichtslehrerin.

Das Ziel des Kurses: die aktuellen und die historischen Geschichten von Flucht und Vertreibung nebeneinanderzustellen, ohne Bewertungen vorzunehmen. Die Schüler haben vor allem innerhalb der eigenen Familie nach Zeitzeugen für die Flucht während des Zweiten Weltkriegs gesucht. Sie haben erlebt, wie sehr die Menschen noch 70 Jahre später unter den Erfahrungen leiden. "Ich habe ein älteres Ehepaar interviewt, das hinterher in Tränen ausgebrochen ist", erzählt Elisa. Moritz berichtet von einer Frau, die nach der Bombardierung aus Aachen fliehen musste und von den Einheimischen als "Bombenweib" beschimpft worden war. "Das hat sie mit der Willkommenskultur heute verglichen", sagt Moritz. In einem anderen Fall hat der Großvater stolz davon erzählt, wie die Familie für Hitler gekämpft habe und was für eine gute Zeit das gewesen sei, berichtet die Enkelin erkennbar irritiert. Dagegen steht der auf Video aufgezeichnete Bericht einer Flucht aus Ostpreußen vor der Roten Armee.

Auch die aktuelle Fluchtbewegung wird thematisiert. Sebastian kennt aus seinem Fußballverein junge Flüchtlinge, die von ihren Erfahrungen und Fluchtgründen berichten: Sie fliehen vor Krieg und Hunger, verlieren auf der Flucht ihre Familien, kommen allein in ein fremdes Land, dessen Sprache und Kultur sie nicht kennen. Die Schüler machen bei ihrem Projekt auch die Erfahrung, dass es nicht leicht ist, Menschen zu finden, die vor der Kamera und vor Fremden ihre Geschichte erzählen. Sie hoffen noch, weitere Zeitzeugen zu finden, die von ihren Erfahrungen - aktuellen oder zurückliegenden - berichten. Zeit ist noch bis zum 30. Mai, dann endet das Projekt.

Möglich wurde der ungewöhnliche Zugang zu Geschichte und Geschichten durch den Wettbewerb zur digitalen Schule, den der Elektronik-Konzern Samsung im Rahmen der Initiative Digitale Bildung neu denken fördert. Der Geschichtskurs erhielt die technische Ausstattung leihweise für sechs Wochen, wurde in die Technik eingeführt und kann das Ganze sogar behalten - wenn die Schüler mit Film und Audiobeitrag sowie den dazugehörigen Links eine Jury überzeugen. Das wäre dann allerdings ein Hauptgewinn, denn von einer solchen Ausstattung können die meisten deutschen Schüler und Lehrer nur träumen.

Quelle: RP
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