| 00.00 Uhr

Mönchengladbach
Flüchtlingshelfer müssen Geister kennen

Mönchengladbach: Flüchtlingshelfer müssen Geister kennen
Sie sind in der Flüchtlingsarbeit aktiv (v.l.): Martina Gehler, Akademie-Leiterin Martina Wasserloos-Strunk, Jens von Wienskowski und Kadir Sevim. FOTO: Raupold, Isabella (ikr)
Mönchengladbach. In abgelegten Kleidern leben böse Geister - das glauben Westafrikaner. Und in die Augen zu blicken, ist für Afrikaner ein Zeichen von Respektlosigkeit. Auch so etwas sollten Flüchtlingshelfer wissen. Die Philippus-Akademie bildet sie aus. Von Angela Rietdorf

"Ich fühlte mich auf verlorenem Posten, als ich in der Krahnendonkhalle 22 Flüchtlingskinder betreuen wollte, mich aber gar nicht mit ihnen verständigen konnte", sagt Martina Gehler vom Ökumenischen Arbeitskreis. Sie suchte nach Angeboten, machte einen Kurs "Deutsch als Fremdsprache" bei der Philippus-Akademie des Evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss und weiß seitdem, wie die Anfangskommunikation auch mit Gesten klappen kann. Sie hat inzwischen weitere Kurse belegt, zur interkulturellen Kompetenz zum Beispiel. Sie weiß neben den vermittelten Inhalten die Möglichkeiten zur Vernetzung und zum Austausch zu schätzen, die sich bei diesen Seminaren ergeben.

Kadir Sevim kennt Martina Gehler nicht nur aus den Kursen, sondern auch von der gemeinsamen ehrenamtlichen Arbeit in der Erstaufnahmeeinrichtung in Neuwerk. Sevim, der im Vorstand der Moscheegemeinde an der Nordstraße ist, hat ebenfalls an Schulungen der Philippus-Akademie teilgenommen. "Ich kenne zwei Kulturen, die deutsche und die muslimische", sagt er. "Aber ich hatte meine Aha-Erlebnisse in den Seminaren, habe dazu gelernt und erkannt, wie facettenreich die Kulturen sind." Oft müsse man das Schubladendenken revidieren. Er lobt das umfangreiche Qualifizierungsangebot der Akademie: "Das ist typisch deutsch, und das meine ich als Kompliment, dass man Probleme erkennt und Konzepte entwickelt, wie man die Schwierigkeiten lösen kann."

Jens von Wienskowski, ebenfalls im Rahmen des Ökumenischen Arbeitskreises im Einsatz, wird sehr deutlich: "Ehrenamtliche Arbeit in der Flüchtlingshilfe ohne vorherige Schulung sollte verboten werden." Qualifizierung sei dringend notwendig. Viele Fallstricke und kulturelle Schlaglöcher lauern auf dem Weg der Flüchtlingshelfer, davon können alle drei ein Lied singen. Da geht es zum Beispiel um die Frage, ob man dem Gegenüber in die Augen blickt - in Afrika ein Zeichen für Respektlosigkeit. Deutsche dagegen haben das Gefühl, dass der Gesprächspartner nicht aufrichtig ist, wenn er den Blick senkt.

Noch dramatischer ist die Fehleinschätzung, von der Martina Wasserloos-Strunk, die Leiterin der Philippus-Akademie, berichtet. Da brachten wohlmeinende Helfer Kleidung zu afrikanischen Flüchtlingen. Die reagierten extrem ablehnend. "Sie kamen aus Westafrika und für sie leben in den abgelegten Kleidern böse Geister", erklärt sie. Das muss man wissen, um die Reaktion der Flüchtlinge richtig einzuschätzen.

Deshalb sind bei der Philippus-Akademie Kurse zum sensiblen Umgang mit anderen Kulturen sehr gefragt. Aber auch Basiskurse zu Rechtsfragen oder kollegiale Beratung, bei der sich die Helfer untereinander austauschen können, stehen hoch im Kurs. Ein Angebot ist neu im Programm dieses Halbjahrs: Im Kurs "Neuland betreten" geht es um gesellschaftliche Veränderungen und Werte. "Wir wollen diskutieren, was wir gewinnen können und was unverzichtbar ist", erklärt Martina Wasserloos-Strunk, die dieses Seminar leiten wird. Es gehe um Werte und um Gewohnheiten. "Über mangelnde Pünktlichkeit kann man reden, über die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht", stellt sie fest. Und Kadir Sevim ergänzt: "Wenn man die kulturellen Gepflogenheiten kennt, kann man das zu Anfang nutzen, um eine Brücke zu bauen. Aber dann müssen die Werte dieser Gesellschaft erklärt werden."

Die neuen Kurse der Philippus-Akademie beginnen im Januar. Die Teilnahme ist kostenfrei. Infos unter www.philippus-akademie.de.

Quelle: RP
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.