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Serie Mein Erstes Auto (9)
Fridolin auf großer Fahrt

Serie Mein Erstes Auto (9): Fridolin auf großer Fahrt
Der silberne VW Polo GT von Peter Schmidt hieß "Fridolin". Als Fridolin einmal in Griechenland auf dem Unterboden aufsetzte, hoben ihn vier Einheimische kurzerhand hoch. Auch heute noch hat Peter Schmidt im Autokennzeichen DP, was für "Der Piet" steht. FOTO: Privat
Mönchengladbach. Peter Schmidts Polo GT hatte mehr als 200 000 Kilometer auf dem Tacho, was mit einer Mischung aus Asti Spumante und Vanille-Milchshake gefeiert wurde. In Griechenland wurde das Auto von Adonis' Brüdern aus einer misslichen Lage befreit. Von Gabi Peters

"Herbie" hieß der Wunder-VW-Käfer, der in der US-Filmkomödie von 1968 die Hauptfigur war, "Kitt" der Wagen von David Hasselhoff in der 1980er-Jahre-Serie "Knight Rider". Peter Schmidts erstes Auto hieß "Fridolin" und war ein silberfarbener VW Polo GT. Für unsere Serie "Mein erstes Auto" beschreibt Peter Schmidt seine Reise im Polo nach Griechenland - mit etlichen Abenteuern, netten Menschen und Tankstellen, an denen es neben Sprit und Motoröl auch Schafskäse gab.

"Die erste längere Tour führte mich im Sommer 1989 mit meiner Freundin nach Griechenland. Zu der Musik von den ,Fine Young Cannibals' ging es über den berüchtigten Autoput, eine Transitstrecke mit Schlaglöchern groß wie Bombenkratern, durch das ehemalige Jugoslawien. Mitten in der Nacht, völlig übermüdet nach stundenlanger monotoner Fahrt, hatte ich die glorreiche Idee, die ,Autobahn' zu verlassen, um die teure Maut zu sparen und ein Stück über die vermeintlich abwechslungsreichere Landstraße zu fahren.

Leider war die Landstraße in einem noch schlechteren Zustand als die ,Autobahn'. Es gab dort weder Fahrbahnmarkierungen noch eine einzige Laterne. Am Rand der unbefestigten Straße gingen Einheimische mit ihren schwer bepackten Eseln durch den dunklen Wald, und als wir dachten, es müsse doch irgendwann ein Schild kommen, endete unsere Fahrt auch schon an einem Fluss, der die Straße einfach unpassierbar überspülte.

Für nichts auf der Welt hätte meine Freundin das Fenster runtergekurbelt, um einen der Untoten nach dem Weg zu fragen. Voller Panik kehrten wir wieder um. Das Erreichen der Auffahrt zum Autoput füllte sich an wie ein zweites Leben. Insgesamt brauchten wir fast zwei Tage für die 2500 Kilometer bis Griechenland. Allerdings haben wir in diesen zwei Tagen mehr erlebt als heute in drei Wochen Cluburlaub.

Auf den Rastplätzen warteten ganze jugoslawische Schulklassen darauf, für eine Deutsche Mark unsere Frontscheibe von den Fliegen zu säubern. Was viel Geld gewesen sein dürfte, denn die Strafe für unangeschnalltes Fahren ("Gurt-nix") lag bei gerade mal zwei Mark. Lustig wurde es, als mir in einer jugoslawischen Tankstelle einmal 38 Liter Sprit berechnet wurden, obwohl mein Fridolin lediglich einen 35-Liter-Tank hatte.

Bezahlt wurde das alles aus einer großen Tüte voller jugoslawischer Banknoten, die man an der Grenze gegen wenig Deutschmark getauscht hatte. Die konnten am nächsten Tag aber auch locker nur noch die Hälfte wert sein, weil die Währung stärker schwankte als der Pilot einer russischen Fluggesellschaft. Am Rande des Autoputs wechselten sich ausgebrannte Autowracks mit Familien türkischer Gastarbeiter ab, die neben ihrem Ford Transit für eine Pause mal eben den Grill angeschmissen hatten.

Von Griechenland selbst blieb mir neben den vielen Mücken und leckeren Bauernsalaten die herzliche Gastfreundschaft in Erinnerung. Als wir einmal mit einem Plattfuß stehengeblieben waren, kam mir ein alter Mann zu Hilfe, der locker als älterer Bruder von Johannes Heesters durchgegangen wäre. Die Radbolzen waren wie angebacken und ließen sich keinen Millimeter mit dem Schraubenschlüssel bewegen. Der alte Mann aber, der bis dahin auf einem weißen Holzstuhl vor seinem Haus gesessen hatte, besorgte eine Eisenstange als Verlängerung und konnte so die Schrauben von dem Rad lösen, aus dem schon die Drähte durch das abgefahrene Profil zu sehen waren.

An einem anderen Tag nahm meine Freundin eine Kurve zum Strand zu eng und Fridolin setzte mit voller Wucht auf dem Unterboden auf. Vier gut gebaute Griechen, die gerade mit ihren Handtüchern vom Strand kamen, befreiten uns aus dieser misslichen Lage. Der Polo wurde von den starken Männern, wahrscheinlich die großen Brüder von Adonis, kurzerhand einfach wieder auf die Beine, äh, Reifen gestellt. Anders als in Deutschland führten die Tankstellen in Griechenland neben den verschiedenen Kraftstoffen gerade noch zwei weitere Produkte: Motoröl und - Schafskäse. In jeder noch so kleinen Tankstelle stand unter der Kasse ein altes Holzfass mit eben dieser griechischen Spezialität. Und so wie man hier heute eine Tüte Chips, einen Schokoriegel oder einen Coffee-to-go mitnimmt, kauften wir beim griechischen Tankwart oft noch ein leckeres Stück Schafskäse.

Fridolin war mir, anders als meine damalige Freundin, noch viele Jahre ein treuer Begleiter und hatte zum Ende mehr als 200 000 Kilometer auf dem Tacho (was mit einer Mischung aus Asti Spumante und Vanille-Milchshake bei McDonalds gefeiert wurde).

Noch heute hat mein aktuelles Auto, wie schon Fridolin vor 27 Jahren, das Kürzel DP (steht für ,der Piet') im Kennzeichen."

Quelle: RP
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