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Serie Gladbacher Lesebuch (11)
Für ein Kilo Altpapier gab es ein Schreibheft

Serie Gladbacher Lesebuch (11): Für ein Kilo Altpapier gab es ein Schreibheft
Franz Klinken (knieend, das vierte Kind von links) besuchte den Kindergarten St. Elisabeth in Untereicken. Damals gab es so gut wie keinen Müll. Stattdessen fand alles noch einmal eine Wiederverwendung. Die Kleidung war robust, denn sie musste einiges aushalten können. FOTO: Franz Klinken
Mönchengladbach. Der Autor wuchs Anfang der 1940er Jahre in Bettrath auf. Damals wurde vieles nicht weggeworfen, sondern fand Wiederverwendung. Von Franz Klinken

Bettrath Müll wie heute, oder auch gelbe Säcke und Biotonnen, gab es zu meiner Kinderzeit nicht. Wenn ich mit meiner Mutter Anfang der 1940er Jahre Lebensmittel einkaufen ging, sei es nun Salz, Zucker oder Mehl, wurden diese in braunen, dreieckigen Papiertüren abgewogen. Zu Hause kamen die Lebensmittel dann in ihren jeweils dafür vorgesehenen Topf. Für den nächsten Einkauf wurden die braunen Papiertüren gut aufgehoben. Gute Butter und Käse wurden abgewogen und in Papier eingeschlagen. Auch dieses Papier wurde gut aufbewahrt für den nächsten Einkauf. Wenn das Butter- oder Käsepapier verschlissen war, wurde es, bevor es im Feuer im Herd landete, noch über die Bratkartoffeln in die heiße Pfanne gelegt, damit auch der letzte Tropfen Fett herausgeholt wurde. War aber mal kein Fettpapier mehr da, nahm man eine alte Zeitung.

Ja, eine Zeitung bezogen wir damals auch schon, nur wusste ich nicht, was der eigentliche Grund dafür war. Denn zuerst wurde die Zeitung gelesen und dann in handgroße Zettel gerissen. Diese handgroßen Zettel wurden auf einem eisernen Haken aufgespießt und dann auf der Toilette aufgehängt. Wenn man Glück hatte, und waren einige Zettel in der richtigen Reihenfolge hintereinander aufgespießt, so konnte man auf der Toilette das Wichtigste noch einmal lesen. Ganz interessant sah es dann im Herbst aus, wenn mit der Jauchekelle unter anderem das Neueste von vorgestern übers Feld geschüttet wurde. Die Zettelchen hatten dann zwar schon etwas Farbe angenommen, aber mit ein wenig Mühe und Fantasie konnte man das eine oder andere noch lesen.

Heutzutage steht am Mittwoch bergeweise Papier vor der Türe. Aber was war doch Papier damals für ein knapper Artikel. Wenn ich ein neues Schreibheft haben musste, ging ich in den Krämerladen. Aber ein neues Schreibheft kaufen, so einfach ging das nicht! Denn man musste zuerst ein Kilo Altpapier mitbringen, und dann konnte man erst ein Schreibheft kaufen. Wer aber auf diesem Papier mit Tinte schrieb, durfte nicht zu langsam schreiben. Denn die Tinte verlief so schnell aus, so schnell konnte man gar nicht schreiben.

Für alles, was nun gar nicht mehr gebraucht wurde, gab es den "Lumpenmann". Er fuhr mit Pferd und Wagen durch das Dorf, läutete mit seiner Glocke und rief: "Alteisen, Lumpen, Papier, Kaninchenfelle." An einen kann ich mich noch gut erinnern. Sein Name war "Dreßen Hein". Aber besonders erinnere ich mich an sein Pferd, weil dieses nur aus Fell und Knochen bestand. Eines Tages stand Hein mit Pferd und Wagen, wie so oft, vor dem Wirtshaus. Hein stand drinnen an der Theke und trank seine Körnchen. Auf einmal kamen ein paar Jungen ins Wirtshaus und riefen: "Hein, komm schnell nach draußen, dein Pferd ist gerade umgefallen!" Hein schnappte sich einen der Jungs am Kragen und sagte, ohne sich aufzuregen: "Dann hast du das Pferd umgestoßen!" Aber es war ein treues Pferd. Denn wenn Hein aus der Wirtschaft kam, setzte er sich auf den Kutschbock, sagte zum Pferd "hott" und schlief kurz danach ein. Das Pferd aber kannte seinen Weg, trabte nach Hause und blieb genau vor der Stalltüre stehen. Aber wenn man mal ein paar Lumpen übrig hatte, bekam sie der Lumpenmann. Für diese Lumpen bekamen wir Kinder dann eine Windmühle aus buntem Papier an einem Stöckchen. Was haben wir uns über so eine schöne, bunte Windmühle gefreut.

Aber wann hatte man zu dieser Zeit schon einmal Lumpen übrig? Ich weiß noch gut, dass ich mal einen neuen Mantel bekommen habe. Diesen hatte schon mein Onkel getragen und der war im Ersten Weltkrieg gefallen. Mein Vater trug danach das gute Stück fast 30 Jahre. Und nun wurde der Mantel auseinandergetrennt, das Innere nach außen gedreht, wieder zusammengenäht, und schon hatte ich einen neuen Mantel. Auch wenn der Kragen vom Hemd durchgeschlissen war, wurde der hintere, untere Teil vom Hemd abgeschnitten, und daraus nähte meine Mutter einen neuen Kragen. Aus einem verschlissenen Betttuch wurde das fehlende Stück wieder hinten angenäht. Denn wer wollte im Winter mit einem kalten Hintern rumlaufen?

Plastik wie heute gab es zu der Zeit, über die ich schreibe, noch nicht. Also brauchte man auch keine gelben Säcke. Denn hatte der Topf, der Wasserkessel oder das Milchkännchen mal ein Loch, kam man zu meinem Vater, der dieses Loch wieder zulötete. Danach sah so mancher Emailletopf aus, als hätte er kleine schwarze Augen. Und Biotonnen? Kartoffelschalen und Gemüseabfall wurden in Körben aufbewahrt. Zweimal in der Woche fuhr ich mit einem kleinen Handwagen durch die Nachbarschaft und sammelte das Grünzeug ein, als Futter für unsere Ziegen und unser Schwein. Dafür bekamen die Nachbarn dann, wenn das Schwein im Winter geschlachtet wurde, eine Schüssel Panhas und eine Bratwurst. Und wie schön war es, wenn im Herbst das Kartoffelstroh verbrannt wurde! Heute noch fühle ich meine verbrannten Finger, wenn wir uns die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holten. Und was schmeckte uns schließlich besser als die angekohlten und angebrannten Kartoffeln?

Wie gesagt, es wurde fast nichts weggeworfen, alles wurde irgendwie noch einmal gebraucht. Ja sogar die Asche aus dem Herd wurde aufbewahrt, um im Winter über Glatteis und Schnee gestreut zu werden. Hatte man aber mal Glück und fand ein Hufeisen, dann wurde auf den Lumpenmann gewartet. Denn dafür gab er dir sogar noch ein paar Groschen.

Quelle: RP
 
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