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Serie Denkanstoss
Für eine Revolution des guten Wortes

Mönchengladbach. Vernünftig argumentieren im gesellschaftlichen Diskurs nutzt nichts, weil es Menschen gibt, die einen mangels eigener Argumente einfach nur noch niederbrüllen. Das beunruhigt unseren Autor. Von Ulrich Clancett

Der Ton macht die Musik. Und der ist in den vergangenen Wochen und Monaten immer rauer geworden. Im gesellschaftlichen Gespräch greift man wieder gerne zur Schärfe - ohne Rücksicht auf Verletzungen oder Verluste. Die vollkommen aus dem Ruder gelaufene Äußerung eines süddeutschen Partei-General-sekretärs ist nur der vorläufige, traurige Höhepunkt einer galoppierenden Entwicklung. Immer neue Schärfe vielleicht auch deshalb, weil es lange Zeit nicht angesagt war, Klartext zu sprechen. Vielleicht auch deshalb, weil uns im gesellschaftlichen Diskurs schon länger ein gesundes Mittelmaß abhanden gekommen ist. Alles ist immer irgendwie gut geredet worden, keiner war irgendwie schlecht, für jeden gab es immer noch ein gutes Argument - obwohl längst offensichtlich war, dass da etwas aus der Bahn lief. Weichspülen auf der ganzen Linie - das war die Hauptkritik vieler. "Gutmenschentum" wurde zu einem Schimpfwort für die, die in den Augen ihrer Kritiker jeglichen Bezug zur Realität verloren hatten.

Vielleicht gründet das auch in einer "Inflation des Wortes". Nehmen wir nur die explosionsartig angestiegene Zahl der Talk-Shows deutscher Fernsehsender. Schnell ist auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf diesen Zug aufgesprungen, den die private Konkurrenz salonfähig gemacht hatte. "Jeder kann überall mitreden..." - das Credo der "Generation Talk". Und zwar oft genug unabhängig von Qualifikation und intellektuellen Fähigkeiten. Hauptsache schrill und bunt, Hauptsache provokant, das gibt Quote. Und da wundert es uns, wenn Gespräche, übrigens gleich zu welchem Thema auch immer, aus dem Ruder laufen und man sich darin gefällt, seinen Gesprächspartnern einfach nur noch derbe verbal "aufs Maul zu hauen"? Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis die erste Talk-Show produziert wird, in der tätliche Übergriffe erlaubt oder gar gewünscht sind. Vielleicht wird uns diesbezüglich die Realität schneller einholen, als uns lieb ist: Haben wir in den letzten Tagen noch eher kopfschüttelnd Meldungen über die Häufung gewaltsamer Übergriffe auf wahlkämpfende Politiker in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zur Kenntnis genommen, folgt in dieser Woche eine düstere Prognose des Bundeskriminalamtes (BKA) im Hinblick auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf. Die Behörde warnt vor einer nie für möglich gehaltenen Welle der Gewalt, die das Land und die politische Meinungsbildung nachhaltig zu erschüttern drohen. Und dabei geht es zunächst nicht etwa um Terror islamistischer Gewalttäter. Die BKA-Warnung bezieht sich fast ausschließlich auf potenzielle Gewalttäter aus unserem Land, unserer Gesellschaft. Menschen, die, weil sie sich im politischen Diskurs nicht mehr wiederfinden, einfach nur noch drauf losschlagen, weil ihnen jegliche Fähigkeit, oft auch jeglicher Wille zu vernünftiger, sachorientierter Diskussion abhandengekommen sind. Das macht mir zunehmend Angst: Vernünftig argumentieren nutzt nichts, weil man mit diesen nachvollziehbaren, lupenrein begründbaren Argumenten nicht weiterkommt. Weil es andere Menschen gibt, die einen mangels eigener Argumente einfach nur noch niederbrüllen. Am Ende finden diese dumpfen Parolen Gehör. Am Ende werden die Menschen, die diesen dumpfen Parolen nachlaufen, auch noch in Volksvertretungen gewählt. Ein Buch der Bibel beginnt mit einem denkwürdigen Satz: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Johannes fängt so sein Evangelium an und sagt gleich etwas über die Wirkmächtigkeit des Wortes. Er setzt es sogar mit Gott gleich. Vielleicht sollten wir uns wieder auf diese denkwürdigen Zeilen besinnen und mit diesem Bewusstsein einen neuen Dialog beginnen. Neu lernen, wie mächtig das Wort ist und seiner Macht Raum geben. Aber auch um die Macht der Worte zu wissen, die zerstörerisch und spaltend wirken. Denn das Wort kann alles: zusammenführen, spalten, erschaffen, zerstören. Das macht es nicht einfacher - wenn wir uns aber genau das wieder ins Gedächtnis rufen, werden wir die, die das Wort und die daraus folgenden Taten nur negativ einsetzen, schnell überführen. Lasst uns doch einfach eine "Revolution des guten Wortes" beginnen - damit der Ton wieder eine gute Musik macht und unsere Worte dazu führen, dass Menschen, gleich welcher Herkunft, bei uns zusammenfinden und dieses gute Wort einfach weitersagen - gegen alle negativ eingestellten Spalter und Zerstörer. Und für die, die an einer guten Zukunft in diesem Land, in der Welt konstruktiv mitbauen wollen und dafür Verantwortung übernehmen.

ULRICH CLANCETT IST REGIONALDEKAN UND PFARRER IN JÜCHEN

Quelle: RP
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