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Was macht eigentlich?
Ganz oben - auf der Bühne und in der Schule

Was macht eigentlich?: Ganz oben - auf der Bühne und in der Schule
Ausdrucksstark: Peter Reichartz als Schauspieler und Regisseur 1983 in Büchners Komödie "Leonce und Lena" am Gymnasium in Hennef. FOTO: NN
Mönchengladbach. Peter Reichartz hat sich alles hart erarbeiten müssen: Sein Vater war einfacher Maurer - mit zwölf Kindern. Der jüngste Sohn brachte es bis zum Oberstudiendirektor des Gymnasiums an der Gartenstraße - und ist stolz, eine Schule mit besonderer Anziehungskraft geleitet zu haben. Von O. E. Schütz

Seit einem halben Jahr sitzt Peter Reichartz, 66 und Oberstudiendirektor, im Ruhestand, noch einmal im Hörsaal, um sich weiterzubilden: bei der Psychoanalytischen Frühjahrsakademie der Universität Düsseldorf. Dazu hält er noch selbst Vorträge, mal in Gladbach, mal in Düsseldorf. "Rom - Traum oder Trauma deutscher Dichter" zum Beispiel, über den französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus oder zum Thema "der subversive Charakter des weiblichen Körpers", und er spricht bei Kunstausstellungen.

Peter Reichartz, von 1996 bis 2011 Leiter des Rheydter Gymnasiums an der Gartenstraße, ist aber alles andere als ein vergeistigter Wissenschaftler. Sondern ein Mann, der immer noch mit beiden Beinen im Leben steht. Aufgewachsen im ländlichen Korschenbroich-Pesch, als jüngstes von zwölf Kindern des Maurers Heinrich Reichartz. Da stand ein Hochschulstudium nicht auf dem Familienplan, nicht einmal der Besuch des Gymnasiums: "Das können wir nicht bezahlen, sagte meine Mutter."

So ging Peter brav zur Volksschule in Pesch, machte eine Lehre bei Heinrich Weller Stahlbau und begann dann 1965 mit 17 Jahren als Industriekaufmann bei der Firma Gebr. Fendel. Doch er merkte, dass ihm dies nicht für ein ganzes Berufsleben genügen würde. Er wollte eine größere Herausforderung. Lehrer - das wurde sein Ziel. Dafür war er bereit, hart zu arbeiten: tagsüber der Job bei Fendel, dann noch zur Abendrealschule in Mülfort, drei Jahre lang. Und schließlich ging er zweieinhalb Jahre auf das über die Region hinaus bekannte Friedrich-Spee-Kolleg in Neuss, um das Abitur zu machen.

Wandern für den guten Zweck: Die Klasse 5a brachte 2004 1661 Euro zusammen. Mit Reichartz freuen sich die Lehrerinnen Bärbel Jordi und Barbara Aben. FOTO: Isa

Das ging dann nicht mehr so nebenbei, der Job bei Fendel musste aufgegeben werden. Das "Honnefer Modell", Vorläufer des BAföG, half beim Lebensunterhalt - wenn man den Gürtel ziemlich eng schnallte. Doch Peter Reichartz hatte ein Ziel, dafür quälte er sich - und schaffte es. 1971 hatte er das Abitur in der Tasche, das Studium in Aachen konnte beginnen: Germanistik, Geschichte und Sozialwissenschaften. Daneben beschäftigte er sich mit Kunstgeschichte und Psychoanalyse: "Das öffnet einen breiteren Blick auf die Literatur."

Den Blick weitete später auch seine dritte Station als Gymnasiallehrer - weitab vom Rheinland, wo er bis dahin gelebt hatte: die Deutsche Schule in Rom. Es war eine außergewöhnliche Chance, bei der seine Frau Doris, Lehrerin wie er, voll und ganz mitmachte, ihren Beruf aufgab; viel später begann sie noch einmal an der Gesamtschule Hardt. 1979 zogen die inzwischen vier Reichartz' (Moritz war drei Jahre, Philipp gerade sechs Wochen alt) in die "ewige Stadt". Das Bonner Auswärtige Amt hatte Peter Reichartz für sechs Jahre als Gymnasiallehrer und Theatermacher der Deutschen Schule verpflichtet - einen Mann, der schon am Gymnasium in Hennef an der Sieg fünf Jahre die Theater-AG geleitet hatte: "Theater war schon immer eine Leidenschaft von mir", sagt er.

Schon mit zehn auf der Bühne: Peter in der Volksschule Korschenbroich-Pesch mit Hubert Schiffer (rechts) FOTO: NN

Seine Leidenschaft beschränkt sich aber keineswegs aufs Theater: "Mein ganzer Beruf hat mir immer außerordentlich viel Spaß gemacht. Ich habe mich stets zu 100 Prozent mit meiner Arbeit identifiziert." Denn Peter Reichartz ist Lehrer geworden, "weil dieser Beruf die Chance bietet, Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und dann auch unsere Gesellschaft zu nehmen. Und ich als Junge, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt, weiß, wie wichtig Bildung ist".

Und er hat dann "seine" Schule geprägt: 1996, nach den sechs Jahren in Rom ("Eine wunderbare Zeit, die mich sehr bereichert hat") und dann fünf Jahren in Grevenbroich, kam Reichartz 1996 als Oberstudiendirektor zum Gymnasium an der Gartenstraße. Der richtige Mann am rechten Platz. 15 Jahre war er bei Schülern wie Kollegen beliebt und respektiert. Ein Vorgesetzter, der wusste, wo es langgehen muss, aber nicht den Chef herauskehrt: "Als Schulleiter darf man sich für nichts zu schade sein, muss die gleiche Kärrnerarbeit wie die Kollegen machen, die Belastungsgrenzen kennen."

"Treffen mit Goethe": Peter Reichartz im April vor seinem Vortrag "Rom: Traum oder Trauma deutscher Dichter" im "Salönchen" FOTO: NN

Bei seinem Ausscheiden 2011 durfte Reichartz zufrieden zurückblicken: "Wir haben sehr viel bewegt." Da wurden eine neue Aula und eine Mensa gebaut, ein Selbstlernzentrum eingerichtet, Computer- und Chemieräume, der "Neubau" energetisch renoviert und das alte Schulportal in frischem Glanz wiederhergestellt.

Doch das Gymnasium an der Gartenstraße hat nicht nur deshalb einen guten Ruf in der Stadt. Seit 2010 trägt es den von der Landesregierung verliehenen Titel "Europaschule". Schüler können, wenn gewünscht, schon ab der fünften Klasse zeitgleich Englisch und Latein lernen. In einem bilingualen Zweig gibt es die Möglichkeit, die Fächer Erdkunde und Politik in Englisch zu unterrichten; mit dem dabei erworbenen Zertifikat kann man in England ohne Aufnahmeprüfung studieren. Für Peter Reichartz war dies übrigens nichts Neues: "Auch in Rom haben wir bilingual unterrichtet, deutsch und italienisch. Und in Grevenbroich hatte ich drei Jahre vorher einen bilingualen Zweig für Deutsch und Englisch eingeführt."

"Macher und Zugpferd" nannte der damalige Oberbürgermeister Norbert Bude Peter Reichartz bei der Verabschiedung Anfang 2011: "Er ist jemand, der sich für seine Schule und seine Schüler einsetzt." Und der auch heute noch regelmäßigen Kontakt zur Schule und den alten Kollegen hält.

Quelle: RP
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