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Serie Denkanstoss
Geduld, Tapferkeit und Zuversicht

Serie Denkanstoss: Geduld, Tapferkeit und Zuversicht
Sehen, schmecken, riechen, hören, fühlen - Entspannung für Körper und Seele sucht Olaf Nöller an der Nordsee. FOTO: Nöller
Mönchengladbach. Das Gedicht "Licht" von Friedrich Rückert hat Pastor Olaf Nöller nachhaltig in seinen Bann gezogen. Der Text birgt Lebensweisheiten und fordert dazu auf, auch schon mal "schön und klar" zu jammern. Von Olaf Nöller

Rheydt Diesen Denkanstoß schreibe ich im Zug auf dem Rückweg von der Insel Sylt. Anfang Januar hatte ich mich für eine Woche dorthin zurückgezogen, um mich von den Anspannungen der letzten Monate zu erholen. Allein unmittelbar vor Weihnachten hatte ich acht Beerdigungen zu halten, das ist sogar für ein altes "Schlachtross" wie mich irgendwie zu viel... Mir helfen dann lange, einsame Spaziergänge am Meer, wo ich zu mir zurückfinde. Dazu brauche ich gute Bücher und einen Schlaf ohne Wecker. So lade ich den "Akku" wieder auf...

Anfang 2015, als ich ebenfalls nach Westerland fuhr, hatte ich es besonders nötig. Ich war nicht nur körperlich erschöpft. Es kam noch ein "seelischer Durchhänger" hinzu. Vieles hatte mir in den Jahren davor hart zugesetzt. Ich weiß auch noch, wie hektisch es unmittelbar vor meiner Abreise zuging. Als das Taxi zum Bahnhof schon bestellt war, und ich noch die letzten Sachen zusammenpackte, da hörte ich mit einem halben Ohr in der WDR-5-Morgenandacht ein Gedicht von Friedrich Rückert (1788-1866), das mich elektrisierte. Der Text heißt: "Licht".

Rasch "googelte" ich mit dem Computer nach dem Wortlaut. Mir war klar, das war auch für mich gesprochen. Diese Botschaft sollte mich in den Urlaub begleiten, damit ich sie bei Wanderungen am Meer meditieren und dann in- und auswendig lernen konnte. Seitdem trage ich Rückerts Worte im Herzen. Gelegentlich konnte ich sie auch schon anderen zusprechen, wenn ich spürte: Da drückt bei jemandem der Schuh, oder ein Mensch muss persönliche Unsicherheit und Beschwernis aushalten, sich in Geduld üben. Hier sind sie:

"Nun ist das Licht im Steigen, es geht ins neue Jahr. Lass deinen Muth nicht neigen, es bleibt nicht wie es war. So schwer zu seyn, ist eigen dem Anfang immerdar, am Ende wird sich's zeigen, wozu das Ganze war. Nicht zage gleich den Feigen und klag' in der Gefahr! Schwing auf zum Sonnenreigen Dich schweigend wie der Aar! Und wenn du kannst nicht schweigen, so klage schön und klar!"

Im diesjährigen Sylt-Urlaub habe ich genau "geprüft", wozu das eine oder andere in meinem Leben gut oder auch nicht gut war. Unsere Existenz in dieser Welt ist ja kein "Wunschkonzert" und manches - wie zum Beispiel Abschiede von geliebten Menschen - wird uns abverlangt. Wer dann jedoch Geduld, Tapferkeit und Zuversicht aufbringt, wird vielleicht nach einiger Zeit sagen können: "Es hatte doch irgendwo seinen Sinn..." und vor allem: "Es blieb nicht wie es war, es taten sich ganz neue Türen auf." Gottes Wirken wird immer nur in der Rückschau erkannt. Das ist meine Lebenserfahrung.

Das "Aufschwingen zum Sonnenreigen" meint für mich die Einladung zum Gottvertrauen. Bei aller Eigenverantwortung, die Gott von uns erwartet, dürfen wir uns doch auch seiner Weisheit und Führung anvertrauen. Dass persönliches Klagen - und manchmal auch herzbefreiendes Jammern - dabei nicht zu kurz kommen müssen, gefällt mir besonders gut... Je länger ich über "mein" Gedicht nachsinne, bemerke ich: Es steckt auch eine Menge biblischer Weisheit darin. Der 37. Psalm sagt es ähnlich, wozu wir auch 2016 eingeladen sind: "Befiehl dem HERRN deine Wege, und hoffe auf ihn; er wird's wohl machen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag."

DER AUTOR IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

Quelle: RP
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