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Mönchengladbach
Gershwin-Quartett begeisterte im Meisterkonzert

Mönchengladbach. Sogar der Balkon musste geöffnet werden, so groß war die Zahl der Zuhörer in der Kaiser-Friedrich-Halle. Von Gert Holtmeyer

Er sei doch mächtig überrascht, meinte Giora Feidman, mit seinem Gershwin-Quartett nicht vor leeren Stuhlreihen spielen zu müssen. Schließlich finde das entscheidende Ereignis des Abends doch im Fernsehen statt - mit dem Fußballspiel der deutschen Mannschaft gegen die polnische. Der 1936 in Buenos Aires geborene "King of Klezmer" ist musikalisch und menschlich jung geblieben. Noch immer sitzt ihm der Schalk im Nacken, und noch immer ist er ein Charmeur, der sein Publikum für sich einzunehmen versteht. Und er ist auch immer noch volle Säle gewohnt. Die Kaiser-Friedrich-Halle war im sechsten Meisterkonzert noch besser besucht als ohnehin sonst üblich - der Balkon wurde geöffnet.

Schnell hatte Feidman das Publikum auf seine Seite gebracht. Interessiert lauschte es seinem Plädoyer für Toleranz und gegen Ausgrenzung, amüsiert hörte es seiner humorvollen Moderation zu, und bereitwillig folgte es seiner Aufforderung, bei passenden Gelegenheiten den Refrain mitzusingen. "Das ist a very good chorus here", kommentierte Feidman in der Pause in seinem charmanten deutsch-englischen Sprachmix die Vokalbeiträge des Auditoriums. Das Klarinettenspiel hat er bis heute nicht verlernt. Bei Haltetönen kann man über seine Atemreserven nur staunen. Noch immer ist er ein Meister der leisen Töne, sein pianissimo erklingt, wie etwa in seiner zu Beginn gespielten eigenen Komposition "Prayer", mit einem Maximum an Zartheit. Umgekehrt kann er sein Fortissimo durchaus im oberen Teil der Lautstärken-Skala ansiedeln.

Stilistisch eindeutige Zuordnung ist nicht sein Ding. "Musik ist Seele", sagt er. Es kommt auf den persönlichen Ausdruck an, nicht aufs Etikett. Will man Feidmans Spiel trotzdem einordnen, dann hört man zu 80 Prozent Klezmer und zu 20 Prozent eine Mischung aus Jazz, internationaler Folklore und europäischer Klassik.

Musikalisch und menschlich versteht sich Feidman bestens mit seinen Mitspielern. Die hinterließen in Mönchengladbach ebenfalls einen vorzüglichen Eindruck. Benannt ist das Quartett nach seinem Primarius Michel Gershwin. Der ist im Hauptberuf Professor am renommierten Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris und nach eigener Aussage ganz weitläufig mit dem berühmten Komponisten George Gershwin verwandt. Hervorragende Mitspieler fand er in Natalia Raithel (zweite Violine), Juri Gilbo (Viola) und Dmitrij Gornowskij (Cello).

Mit drei Fantasien über georgische Volkslieder zeigte das Streichquartett für sich allein, was es kann. Glänzend klappte das Zusammenspiel mit dem prominenten Klarinettisten, bei traditionellen Klezmer-Weisen genau so wie bei "Gracias a la Vida" aus Chile oder einer individuellen Interpretation der Carmina Burana. Für den begeisterten Beifall gab es noch zwei Zugaben, in denen von Beethovens Fünfter bis zu Chatschaturjans Säbeltanz fast kein denkbares Motiv-Zitat ausgelassen wurde.

Quelle: RP
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