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Mönchengladbach
Gesucht: Textiler im Ruhestand

Mönchengladbach: Gesucht: Textiler im Ruhestand
Karlheinz Wiegmann, Holger Hellwig, Rolf Königs, Dieter Danners (Firma Aunde), Helmut Wallrafen und Gert Fischer suchen neue Mitstreiter für das Textiltechnikum. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. Das Wissen über Betrieb und Wartung der historischen Textilmaschinen im Monforts-Quartier geht immer mehr verloren. Nun werden Ehrenamtler mit Fachkenntnissen gesucht, die sich einbringen. Das Ganze soll filmisch festgehalten werden. Von Jan Schnettler

Kaputt ist eigentlich nur ein kleines Kunststoffteil. Doch der Defekt reicht schon aus, damit auf dem alten Schützenwebstuhl der schweizerischen Marke Sulzer Rüti Geschirrtücher nicht mehr reibungslos produziert werden können. Holger Hellwig begab sich auf die Suche: Er fragte in der Schweiz nach, doch dort ist das Teil nicht mehr auf Lager. Die Firma kontaktierte ihrerseits einen altgedienten Mitarbeiter, der seine Kontakte spielen ließ. So tauchten zumindest alte Zeichnungen wieder auf. "Wir haben nun zumindest den richtigen Ansprechpartner ausfindig gemacht und können vermutlich irgendwann auf die Teile zugreifen", sagt Hellwig.

Diese kleine Odyssee verdeutlicht ganz anschaulich, woran es dem Textiltechnikum im Monforts-Quartier, der einzigartigen Sammlung historischer Textilmaschinen, mangelt: Wissen. Hellwig, Textiltechniker und Pädagoge von der Bildungs-GmbH der Sozial-Holding, ist Anleiter des Textiltechnikums, und die mit ihm dort tätigen Arbeitslosen halten den Laden zwar gut in Schuss. "Alle rund 150 Maschinen funktionieren", sagt Karlheinz Wiegmann, Direktor des Museums Schloss Rheydt. "Aber wir wissen beispielsweise schon nicht mehr, wie die Techniker sie vor zehn oder 15 Jahren wieder in Gang gebracht haben. Dieses Wissen ist oft verlorengegangen." Für die Nachwelt droht es vollständig verschüttzugehen, denn es gibt immer weniger Menschen, die die historischen Schätze noch zu bedienen wissen. Das soll sich schleunigst ändern - "denn sonst hat die Sammlung bald nur noch antiquarischen Wert", wie Kulturdezernent Gert Fischer sagt.

Deswegen bitten die Initiatoren und Betreiber des Textiltechnikums, das seit gut einem Jahr besteht, nun diejenigen um Hilfe, die es wissen müssen - die alten, ehemaligen Textiler, von denen es im "niederrheinischen Manchester" noch Tausende geben muss. "Wir haben die Hardware, aber wir müssen auch den Wissensschatz in den Köpfen bergen", sagt Rolf Königs, Vorsitzender des Verbands der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie und maßgebliche Triebfeder hinter dem Technikum. Man hofft, kurz gesagt, auf fachkundige, motivierte Ehrenamtler, die sich ein paar Stunden oder mehr einbringen möchten, um ihr Wissen über die Maschinen weiterzugeben. "Der Laden steht, wir haben das Personal. Wir brauchen also niemanden für Kärrnerarbeit, sondern für punktuelles Fachwissen", stellt Fischer klar. Und Wiegmann fügt hinzu: "Das Ganze filmen wir dann, dokumentieren es und stellen es auf Youtube, damit der Wissenstransfer zur Nachwelt gewährleistet ist."

Wäre das Technikum ein Museum, sagt Rolf Königs, bräuchte man auch keine Experten. Doch nur mit diesen und deren Fachwissen könne es dauerhaft eine "funktionsfähige Textilfabrik" sein und bleiben, in der auch produziert wird. "Alles Bisherige war mit Geld zu leisten, ab jetzt aber nicht mehr alleine", sagt Fischer. Und Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-Holding, hat sofort eine Anekdote parat, wie eine hochbetagte Bewohnerin eines Seniorenheims eine uralte Nähmaschine wieder zum Laufen brachte. Er plädiert außerdem dafür, das Textiltechnikum noch mehr als bisher zum "kulturellen Mittelpunkt" für Hardterbroich zu machen: "Wir basteln daran."

Wer sich angesprochen fühlt und beim Textiltechnikum an der Schwalmstraße einbringen möchte, kann sich bei Holger Hellweg unter Telefon 02161 3038718 oder unter folgender E-Mail-Adresse melden: h.hellweg@sozial-holding.de.

Quelle: RP
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