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Mönchengladbach
Gewerkschaften attackieren Handwerk

Mönchengladbach: Gewerkschaften attackieren Handwerk
DGB-Regionalsekretär Klaus Churt (oben) und Reimund Strauss, Bevollmächtigter der IG Metall, kritisieren die Imagekampagne des Handwerks, mit der junge Menschen zur Ausbildung im Handwerk ermuntert werden sollen. FOTO: Raupold (2), KN (2)
Mönchengladbach. Im Vorfeld des 1. Mai kritisieren DGB, IG Metall und Verdi das Lohnniveau im Handwerk. 5500 Mönchengladbacher profitierten vom Mindestlohn. Und: Es gebe zwar weniger ältere Arbeitslose, aber immer mehr Teilzeitbeschäftigte. Von Jan Schnettler

Eigentlich ging es um den Beitrag der Gewerkschaften zum Maifeiertag und um den vielstimmigen Protest gegen den NPD-Aufmarsch. Doch die anwesenden Funktionäre nutzten die Gelegenheit gleich zum Rundumschlag, speziell gegen die Handwerksorganisationen. "Ausbildungsvergütungen im Handwerk sind im Schnitt 30 Prozent niedriger als im industriellen oder Verwaltungsbereich", sagt Klaus Churt, Regionalsekretär des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

"Wenn man dann dafür trommelt, dass sich doch bitte mehr Abiturienten für das Handwerk begeistern sollen, müssten das schon welche sein, die den Dreisatz nicht beherrschen", fügte Reimund Strauß, Erster Bevollmächtigter der IG Metall hinzu. "Da sage ich ,Augen auf bei der Berufswahl'." Beide kritisieren in diesem Zusammenhang auch die millionenschwere, bundesweite Imagekampagne des Handwerks, mit der junge Menschen für eine Ausbildung in der Branche begeistert werden sollen. Das Geld wäre in Ausbildungsvergütungen besser angelegt, finden die Gewerkschaftler.

Schon seit seiner eigenen Jugend werde jedes Jahr geklagt, dass die Jugendlichen "schlechter" und leistungsschwächer seien als ihre Vorgänger, sagt Strauß - "ich glaube da nicht dran". "Erfahrungsgemäß wird dort am lautesten über den Fachkräftemangel geheult, wo die Leute während und nach der Ausbildung schlecht bezahlt werden", sagt wiederum Dominik Kofent, stellvertretender Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Linker Niederrhein. Und schlägt damit den Bogen zu den laufenden Tarifauseinandersetzungen: In kommunalen Kindertagesstätten droht landauf, landab ab Ende kommender Woche ein unbefristeter Streik der Erzieher, nachdem Verdi die Tarifverhandlungen für die bundesweit 240 000 Erzieher und Sozialarbeiter am vergangenen Montagabend für gescheitert erklärt hatte.

"Wenn Politiker sagen, es fänden sich heutzutage keine Erzieher mehr - woran mag das wohl liegen?", sagt Kofent weiter. Strauß legt dazu die Entgelttabelle der Metaller auf den Tisch: Demnach verdient ein fertig ausgebildeter Erzieher nach einem Jahr Anerkennung weniger als jemand, der nach drei Monaten Anlernen in der Metall- und Elektroindustrie anfängt. "Das ist unsere zweitniedrigste Entgeltgruppe - und der Vergleich zeigt sicher nicht, dass in Metallbetrieben zu viel verdient wird", so Reimund Strauß.

Auch (teilweise) aktuelle Zahlen hatten die Gewerkschaftsvertreter im Gepäck. "5490 Vollzeitbeschäftigte in Mönchengladbach profitieren von der Einführung des Mindestlohns", sagte Klaus Churt. Allerdings sei die Zahl von der Bundesebene statistisch heruntergerechnet - und gelte auch nur, solange sich Arbeitgeber an die Vorschriften halten. "Natürlich muss der Zoll, der für die entsprechenden Kontrollen zuständig ist, auch vernünftig personell ausgestattet werden", sagte Mönchengladbachs DGB-Ortsvorsitzender Hans Lehmann.

Mit Blick auf die Entwicklung des örtlichen Arbeitsmarkts gebe es Licht, aber auch Schatten zu verkünden, sagte Klaus Churt weiter. Die Arbeitslosenquote bei Arbeitnehmern über 50 Jahren sei im März im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,1 Prozent gesunken - "in der gesamten Region ein positives Alleinstellungsmerkmal". Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sei im Vorjahr wiederum leicht angestiegen. Das sei durchaus schön und gut. "Doch verglichen mit vor fünf Jahren - und das erwähnt die Arbeitsagentur nicht so gerne - gibt es 3,7 Prozent weniger Vollzeitbeschäftigte, aber 48,1 Prozent mehr Teilzeitbeschäftigte", sagte Churt.

Mönchengladbach sei und bleibe, mit einem Anteil von 5,2 Prozent an der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, eine "Hochburg der Zeitarbeit". "Der Bundesdurchschnitt liegt bei 2,4 Prozent, der des Rhein-Kreises Neuss sogar bei nur 1,7 Prozent."

Quelle: RP
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