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Gastbeitrag Hans Schürings
Gladbach war mal eine Seidenstadt

Gastbeitrag Hans Schürings: Gladbach war mal eine Seidenstadt
Das ursprüngliche Werk um das Jahr 1950 herum. 1929 war zudem das benachbarte Gelände von Sieper & Meuwsen integriert worden. FOTO: Privatbesitz
Mönchengladbach. Nicht nur in Krefeld, auch in der Vitusstadt gab es einst eine florierende Seidenindustrie. Hans Schürings von der Geschichtswerkstatt erläutert am Beispiel des ehemaligen Unternehmens Max Arnz, welche Bedeutung diese zeitweise hatte. Von Hans Schürings

Die Nachbarstadt Krefeld schmückt sich auch heute noch mit dem Spruch "Eine Stadt wie Samt und Seide" und tradiert damit mit Stolz und Respekt die textilindustrielle Vergangenheit. Aber auch in Mönchengladbach gab es einst durchaus respektable Seidenwebereien. Etwa die Fabrik Max Arnz in Schrievers. In der ehemaligen selbstständigen Stadt Rheydt übertraf im Jahr 1871 insgesamt die Zahl der Erwerbstätigen bei Samt und Seide zum einzigen Mal die der Arbeiterschaft in der Baumwollweberei.

Die Gründung der Seidenfabrik Max Arnz geht zurück auf den Kaufmann Friedrich Arnz (1826-1883), der in Gladbach eine Manufaktur besaß. Nachweislich ab 1862 handelte es sich dabei um eine Manufaktur, in der Seide gewebt wurde. Schon 1875 zog die Firma, nunmehr Arnz & Lemmens, an die Trierer Straße in Rheydt. Damit wurde die Umwandlung der handwerklichen Produktion (Manufaktur) zur industriell-mechanischen (Fabrik) vollzogen. 1892 übernahm die Firma Max Arnz (1860-1917), Friedrich Arnz' Sohn. Diese Seidenfabrik firmierte zunächst unter dem Namen Arnz & Schmachtenberg, ab 1902 ausschließlich unter Max Arnz. Unter diesem Namen firmierte die textile Produktionsstätte bis zur Liquidierung über mehrere Generationen. Das ursprüngliche Produktionsprogramm umfasste Schirmstoffe sowie Damen-Ober- und Unterkleiderstoffe. Diese wurden aus reinseidenen Garnen hergestellt.

Ab 1900 wurde damit begonnen, an der Watelerstraße neue Fabrikgebäude zu errichten, die nach dreijähriger Bauzeit einen Abschluss fanden. Nach dem Tod von Max Arnz 1917 übernahmen die Söhne Karl und Ernst Arnz die Geschäfte. 1929 erfolgte die Übernahme der unmittelbar nebenan liegenden Weberei der Firma Sieper & Meuwsen statt, die westlich der Seidenweberei ebenfalls ab 1900 entstanden war. Um 1929 soll auch die noch heute eindrucksvolle Fabrikantenvilla inmitten der Betriebsanlage mit großzügiger Vorfahrt und weitläufigem Park entstanden sein. Wie ehedem üblich, wohnte der Fabrikherr, Karl Arnz, in unmittelbarer Nähe seiner Fabrikanlage.

Nach dem Krieg, in dem die Anlagen erheblich beschädigt wurden, wurden in den Fabriken Futter- und Schirmstoffe produziert. Ab den 50ern umfasste der Betrieb nahezu alle Produktionsphasen von der Schärerei über die Weberei bis zur Appretur. In der Automaten-Weberei wurden durchschnittlich 20 vollautomatische Webstühle von einem Arbeiter bedient. Wann genau die Produktion eingestellt und die über 100 Mitarbeiter entlassen wurden, ist nicht bekannt - vermutlich nach 1969, als auch in Mönchengladbach sich die Textilkrise ausbreitete.

Nach einer Zwischennutzung bis 1985 wurde das Gelände von den Arnz-Erben in vierter Generation verkauft. Ab 18. April 1989 begann der Abriss aller Produktionsanlagen samt Schornsteinen - das Ende eines Stücks Textilgeschichte und ruhmreicher Seidenindustrie. Es entstanden auf den rund 9000 Quadratmetern zahlreiche neue Wohnbauten in offener Bauweise. Von dem ehedem stattlichen Fabrikensemble blieben die Schlosserei, das Verwaltungsgebäude, zwei Pförtnerhäuser und die ehemalige Fabrikantenvilla, die alle seit 1984 denkmalrechtlich geschützt sind. Der hintere Teil der ehemaligen Parkanlage des Herrenhauses ist seitdem für die Öffentlichkeit zugänglich.

Der Text ist Teil des Aufsatzes "Textilindustriekultur in Mönchengladbach", aus: Buschmann, Walter (Hg.): Industriekultur, Klartext-Verlag, ISBN: 978-3-8375-1806-1, das gerade erschienen ist.

Quelle: RP
 
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