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Mönchengladbach
Gretchen - ziemlich frei interpretiert

Mönchengladbach: Gretchen - ziemlich frei interpretiert
Regisseur Dirk Windbergs (3.v.l.) und seine Schauspieler: Michelle Blase, Leonie Hackländer, Maike Münster, André Liebscher, Laura Jacobs, Andy Steiner, Sonja Riedel und Heike Busch auf der Wendeltreppe an der Waldhausener Straße. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Lutz Hübner, der Autor der "Borussia-Revue", die im Theater fulminante Erfolge feiert, hat das Stück "Gretchen 89ff." geschrieben. Regisseur Dirk Windbergs bringt es auf die Bühne - mit viel Witz. Von Inge Schnettler

Das Küchentheater hat sich einen Klassiker zur Brust genommen: Goethes Faust. Genauer - die berühmte "Kästchenszene". Gretchen und Faust sind sich zum ersten Mal begegnet. Sie, noch ganz Backfisch, ist komplett überrumpelt von dem hübschen, charmanten Kerl. Sie kehrt, noch völlig verzückt, nach Hause zurück. Und weiß nicht, dass Faust in der Zwischenzeit - mit Hilfe Mephistos - in ihrer Kammer war und sich an ihrem Duft berauscht hat. Seine Begierde ist geweckt, er ergeht sich in Fantasien und köstlichem Empfinden. Bevor er den Raum verlässt, stellt er ein Kästchen mit Schmuck in Gretchens Schrank. Als Gretchen den Raum betritt, bemerkt sie die schwüle Hitze, die Faust hinterlassen hat, und singt: "Es ist so schwül, so dumpfig hie". Und dann findet sie das Kästchen . . .

Diese Szene, in der Reclam-Ausgabe auf den Seiten 89ff. zu finden, hat der Autor Lutz Hübner seinem Stück, das er entsprechend "Gretchen 89ff." betitelt, zugrundegelegt. Aus seiner Feder stammt übrigens auch die Borussia-Revue, die am Theater fulminante Erfolge feiert. Zehnmal wird die Situation auf der Bühne der Kulturküche gespielt - von zehn Laien-Schauspielern, in unterschiedlichsten Interpretationen, angeleitet von Regisseur Dirk Windbergs. "Nach der ersten Szene haben die Zuschauer die Geschichte begriffen, ab da darf nach Herzenslust gelacht werden", sagt er.

In der Tat, es wird komisch. Urkomisch. Wenn etwa der Regisseur mit dem Spartick (André Liebscher), genannt "Der Streicher", alles aus der Szene kürzen will, was Zeit und Geld kostet. Am Ende sind es sogar Worte, die er Gretchen (Maike Münster) verbietet. "Lass das dumpfig weg, sag einfach nur: ,Schwül ist es irgendwie'." Auch den Satz "Bin doch ein töricht Weib" streicht er. "Das hört sich doch an wie aus'm letzten Jahrhundert."

Die nächste Version: Gretchen wird von einer übereifrigen Anfängerin (Laura Jacobs) gespielt. Sie will "was Neues probieren", "mal was Anderes anbieten". Damit geht sie der Regisseurin (Heike Busch) tierisch auf die Nerven. Vor allem ihre schulterkreisenden Lockerungs- und die Sprechübungen, die sie vor jedem Auftritt zelebriert: p-t-k-f-s-sch. Immer und immer wieder. Der Zuschauer leidet mit der Regisseurin. Wenn Gretchen sagt "Es ist so schwül und dumpfig hie", reißt sich die übermotivierte Schauspielerin die Jacke vom Leib und fällt theatralisch auf die Knie. Die Regisseurin verdreht die Augen.

Der echte Regisseur, Dirk Windbergs, sitzt erfreut auf seinem Stuhl vor der Bühne, er genießt, lässt sich einen Apfel schmecken, er schmunzelt - und applaudiert. "Diese jungen Schauspieler sind einfach klasse", sagt er. Hohe Ansprüche hat er an sie, "auch Kleinigkeiten sind mir total wichtig". Seit Oktober haben sie geprobt, das vergangene Wochenende komplett für den Feinschliff genutzt.

Auf der Bühne geht es in die nächste Runde. Die gefrustete Schauspielerin (Heike Busch) ärgert sich über die Erfolge früherer Kollegen, während sich die Requisiteurin (Michelle Blase) mit dem Kästchen abmüht und es aufhübscht. Die Schauspielerin haut ab, um sich "zu besaufen".

Premiere ist am 4. Mai, die zweite Aufführung am 5. Mai, jeweils 20 Uhr, in der Kulturküche, Waldhausener Straße 64, Tickets gibt es für 8 Euro; Vorbestellung: info@kulturkueche.com

Quelle: RP
 
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