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Mönchengladbach
GroKo will Abkehr von Logistik und Textil

Mönchengladbach. CDU und SPD fordern eine stärkere Ausrichtung auf digitale Zukunftsbranchen - sonst bleibe Gladbach dauerhaft ein Billiglohnstandort. Ziel ist eine "Willkommenskultur" für Start-ups und Gründer im Rennen um die klugen Köpfe. Von Jan Schnettler

Mit den fünf Leitbranchen für den Wirtschaftsstandort, den WFMG und Hochschule Niederrhein vor einigen Jahren definiert haben, ist die Stadt passabel unterwegs. Textil & Bekleidung, Maschinenbau, Logistik, Gesundheit sowie IT- und Kreativwirtschaft - in allen Bereichen gab es zuletzt markante Erfolgserlebnisse oder es blieben zumindest, anders als andernorts, branchentypische Hiobsbotschaften aus. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen kletterte schneller als erwartet weit über die Marke von 90.000, gerade im Niedriglohnsektor, wo es viel Bedarf gab, zahlte sich die Ansiedlung vieler Logistiker aus. Also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. CDU und SPD wollen das Leitbranchen-Konzept überarbeiten lassen. "Wir wollen raus aus der Ecke ,Billiglohnstandort'. Gerade unter den Gesichtspunkten Logistik und Textil ist das ja mitunter schwierig", sagt Hans Peter Schlegelmilch, Fraktions-Chef der CDU.

Die Große Koalition fordert in einem Fraktionsantrag in der nächsten Ratssitzung konkret, den Katalog der Leitbranchen "weiterzuentwickeln". Soll das die Abkehr von Textil und Logistik bedeuten? Mit der Wirtschaftsförderung jedenfalls war der Vorstoß nicht abgesprochen. "Man muss nicht alles über Bord werfen, aber wenn wir nicht stärker die Möglichkeiten für die Industrie 4.0 abbilden, befürchten wir, dass diese an Mönchengladbach vorbeizieht", sagt Schlegelmilch. In den Sozialhaushalten jedenfalls sehe man den Turnaround, den die Arbeitsagentur mit ihren guten Zahlen propagiere, noch nicht: "Wir brauchen in der Stadt Branchen, die ein gewisses Einkommensniveau garantieren, so dass die Leute im Alter ohne Stütze leben können." Außerdem seien ohnehin kaum noch Grundstücke für weitere Logistikansiedlungen verfügbar. "Wir wollen eine Neubewertung seitens Stadt, WFMG und Hochschule dahingehend, was wirklich zukunftsfähig ist", sagt Schlegelmilch.

Damit hat Ulrich Schückhaus, Geschäftsführer der WFMG, kein Problem. Er sagt aber auch: "Wenn wir die Arbeitslosigkeit auch weiter reduzieren wollen, müssen wir niederschwellige Angebote für Geringqualifizierte schaffen." Es gebe in Gladbach nun einmal keine "Massen an arbeitslosen Akademikern". Für die GroKo ist dennoch in erster Linie der Megatrend der Digitalisierung zukunftsfähig. Man gehe "auf Grundlage von Expertengesprächen davon aus, dass Wachstum und Innovationsfähigkeit der wirtschaftspolitischen Leitbranchen in Mönchengladbach in Zukunft stärker durch Digitalisierung beeinflusst werden", heißt es im Antrag.

CDU und SPD geht es darum, die Stadt zur Dienstleisterin für den digitalen Wandel weiterzuentwickeln. Und eine "Willkommenskultur" für den Gründergeist zu schaffen, der in der digitalen Wirtschaft Usus ist. Moderne Wirtschaftsförderung, so stehe es im Kooperationsvertrag von CDU und SPD, heiße, "Gründerklima" zu schaffen. Und zwar nicht so sehr mit Gebäuden, Grundstücken oder ordnungsrechtlichen Strukturen. Sondern mit vernünftiger Breitband-Infrastruktur, Fokussierung auf Entwicklung und mit dauerhaften Serviceangeboten. Man müsse diesbezüglich weg von der "Linienstruktur der Verwaltung" hin zu einer projektorientierten, wie im Silicon Valley oder, im kleineren Maßstab, in Berlin. "Solche Vernetzungsstrukturen gedeihen auch nicht, wenn sie räumlich an die WFMG angegliedert sind. Darum gibt es ja auch präzise Ideen, eine Art Labor in der Nähe des Hochschul-Campus anzusiedeln", sagt Schlegelmilch. Auch ein "Kümmerer" müsse etabliert werden.

Die Rede ist in diesem Zusammenhang von einem "Inkubator", einer "Entwicklungsplattform für digitale Angebote, Entwicklungen und Dienstleistungen im Sinne des wirtschaftlichen Strukturwandels und als unterstützender Wegbereiter der Industrie 4.0". Da trifft es sich gut, dass sich Gladbach - wie etwa auch Neuss - der Düsseldorfer Bewerbung für einen "Digitale Wirtschaft-NRW-Hub" angeschlossen hat. Die Landesregierung hatte im März einen Förderaufruf für fünf solcher Kompetenzzentren für Innovations- und Digitalisierungsprozesse für regionale Unternehmen und Start-ups gestartet, die landesweit gefördert werden sollen. Die Fördersumme beläuft sich auf jeweils bis zu 500.000 Euro pro Jahr und für drei Jahre, bei einem Eigenanteil in gleicher Höhe. Beworben haben sich auch Köln und Aachen. "Wir sind Partner bei Düsseldorf, da es aus meiner Sicht keinen Sinn machte, dagegen zu konkurrieren. Gemeinsam macht es mehr Sinn", sagt Schückhaus.

Quelle: RP
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