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Serie 70 Jahre Weltkriegsende (6)
Gute Nachrichten in schlechten Zeiten

Serie 70 Jahre Weltkriegsende (6): Gute Nachrichten in schlechten Zeiten
Elisabeth Wüst war während des Krieges als Krankenschwester in Heidelberg beschäftigt. Später arbeitete sie im Elisabeth-Krankenhaus in Rheydt. FOTO: privat
Mönchengladbach. Leserin Irene Kaumanns hat in ihren Unterlagen einen Erlebnisbericht ihrer Mutter aus der Zeit des Kriegsendes gefunden. Darin schreibt sie über einen Zufall, der den Krieg für einen Moment vergessen machte. Von Angela Rietdorf

"Jedes Mal, wenn ich diese Geschichte lese, kommen mir die Tränen", sagt Irene Kaumanns. Es ist die Geschichte ihrer Mutter Elisabeth Wüst aus den Tagen des Kriegsendes 1945 - voller überraschender Zufälle und letztendlich mit einem Happy End. Elisabeth Wüst wurde 1922 in dem kleinen Ort Rath bei Nörvenich geboren. Vor zehn Jahren starb sie in Rheydt.

Bei Kriegsende war die junge Frau als Krankenschwester in Heidelberg beschäftigt. Die Amerikaner rücken ein und setzen die Lazarettangestellten in einer Kaserne fest. "Als Krankenschwester bekam ich zum Glück Arbeit im Operationstrakt", erzählt Elisabeth Wüst in ihren Erinnerungen. "Meine Kolleginnen und ich freundeten uns schnell mit der Apothekenbesatzung an, mit der wir naturgemäß des Öfteren zu tun hatten. Leider dauerte diese kleine Idylle nicht lange an, denn wir wurden mit amerikanischen Lastwagen nach Göppingen in die ehemalige Flakkaserne verlegt. Zuvor hatten wir in aller Eile mit unseren Freunden die Heimatadressen ausgetauscht."

In Göppingen gab es für die junge Krankenschwester kaum etwas zu tun. Sie erwartete, so rasch wie möglich nach Hause geschickt zu werden. "Nach etwa drei Wochen wurde ich zur amerikanischen Schreibstube beordert zwecks Angabe meiner Personalien, Heimatanschrift und so weiter", berichtet Elisabeth Wüst weiter. "Ein junger amerikanischer Offizier nahm alles auf. Plötzlich schaute er hoch, sah mich sehr interessiert an und fragte dann in fließendem Deutsch: "Haben Sie in letzter Zeit von Ihren Eltern Post bekommen?" Elisabeth Wüst war sehr verwundert über die Frage. In den Wirren des Kriegsendes hatte sie natürlich schon lange nichts mehr von ihren Eltern gehört. "Ich wusste nur, dass der Krieg auch über das Dürener Land hinweggegangen war", erzählt sie weiter. "Da sprach dieser mir wildfremde Mann weiter: "Machen Sie sich keine Sorgen, Ihren Eltern geht es gut und in der Heimat ist alles okay." Er berichtet dann, dass er ihre Eltern gesehen habe und beide einen gesunden Eindruck machten. Die amerikanischen Offiziere hatten in der vorhergehenden Woche einen Herrenabend im Wohnzimmer der Eltern abgehalten. "Man muss dazu wissen, dass mein Vater als der einzige Lehrer des Dorfes einer der Honoratioren war. Nach dem ersten freudigen Schock über solch unerwartete und dazu noch gute Nachrichten bedankte ich mich natürlich sehr herzlich bei meinem jungen Ami", fährt die Erzählerin fort.

Am nächsten Tag verlässt sie Göppingen Richtung Heilbronn, wo ein langer Güterzug bereit stand, mit dem auch verwundete deutsche Soldaten in die amerikanische Kriegsgefangenschaft transportiert wurden. Deren Waggons wurden ausbruchsicher verschlossen, die der 14 Krankenschwestern, zu denen Elisabeth Wüst gehörte, nicht. Die Frauen nutzten Aufenthalte des Zuges, um die durstigen Männer mit Wasser zu versorgen und auch Briefe an die Angehörigen entgegenzunehmen, wenn die Richtung stimmte. So bekam auch Elisabeth Wüst einen Brief ausgehändigt, der durch mehrere Hände gegangen war und in den Kreis Düren sollte - nach Rath bei Nörvenich, ihrem Heimatdorf. Sie fragt nach der genauen Anschrift. "Und nun stand ich wie vom Donner gerührt", berichtet sie. "Der fremde Soldat nannte mir Zeile für Zeile meine eigene Adresse! Der Brief kam aus einem Lager bei Bad Mergentheim und der Schreiber war kein anderer als mein Apothekerfreund aus der Heidelberger Kaserne."

Für Elisabeth Wüst gibt es ein Happy End. Sie kehrt nach Hause zurück und heiratet schließlich - nein, leider nicht den Apotheker, aber doch einen Mann, den sie in Heidelberg kennengelernt hat. Sie lebt mit ihrem Mann erst in Rheinland-Pfalz, dann ziehen sie nach Rheydt, wo sie als Krankenschwester im Elisabeth-Krankenhaus arbeitet. Dort kommt auch ihre Tochter zur Welt. Mit 83 Jahren stirbt sie - ihre Tochter findet den Erlebnisbericht in den hinterlassenen Unterlagen.

Quelle: RP
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