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Mönchengladbach
Handwerksbäcker: Von 50 überlebten 18

Mönchengladbach: Handwerksbäcker: Von 50 überlebten 18
Für 2014/15 gibt es keine unbesetzten Lehrstellen mehr. FOTO: DPA
Mönchengladbach. Ein knuspriges Brötchen - was früher lediglich beim Bäcker des Vertrauens zu erwerben war, gibt es heute überall. Zu Spottpreisen. Der Zunft macht aber auch das Ordnungsamt zu schaffen. Nur wer sich spezialisiert, überlebt. Von Kilian Treß

Sie kocht vor Wut. "13 Cent für ein Brötchen, da kann kein Bäcker mithalten", spottet Gertie Riethmacher. Die Obermeisterin der Bäckerinnung Mönchengladbach kann nur tatenlos zusehen, wie Bäcker für Bäcker sein Handwerk an den Nagel hängt, da der Konkurrenzkampf und die Dumpingpreise das Geschäft unwirtschaftlich machen. Discounter wie Aldi, Netto, Lidl und Co. sind ihr ein Dorn im Auge.

"Sie kaufen Teiglinge im Ausland für zwei Cent das Stück ein und backen sie hier nur noch auf", sagt sie. "Die haben keine weiteren Lohnkosten", schimpft sie weiter. "Wir stehen dagegen bei 40 Grad in der Nacht in der Bäckerei und schuften."

Während die Discounterketten, die stetig wachsenden Franchise-Selbstbedienungs-Ketten und seit wenigen Jahren auch Tankstellen zunehmend in den Brötchen-Markt drängen, bleibt vielen Bäckern nur die Schließung ihrer guten Stube als letztes Mittel. ",Schuster, bleib bei deinen Leisten', heißt es doch. Dann sollen Tankstellen auch einfach nur Sprit verkaufen", fordert Gertie Riethmacher.

Die Nerven liegen offenbar blank. Einst weit über 50, gibt es heute nur noch 18 Bäckereien in der Stadt, die der Bäckerinnung angehören. Die anderen haben aufgegeben. Um die fünf weitere Bäcker gehören noch der Konditor-Innung an. Aber auch dort hat es in den vergangenen Jahren einen starken Rückgang der Bäckereien gegeben. Der Konkurrenzkampf hat eine nicht zu übersehende Schneise in den Bäckerwald geschlagen. Riethmacher kann sich ausrechnen, dass traditionelle Bäckereien kaum Überlebenschancen haben. "Wir haben zwar die Qualität, aber viele können sich unsere Brötchen auch nicht mehr leisten", sagt Riethmacher. In Gladbach, wo viele Familien jeden Cent umdrehen, seien viele auf das Billig-Brötchen angewiesen. Dazu kommt natürlich auch die Bequemlichkeit. Einmal im Supermarkt zum Großeinkauf gefahren, werden die Brötchen direkt mit eingepackt.

Damit Bäcker noch konkurrieren können, müssen sie knapp kalkulieren. Rohstoffe und Lohn kosten von Jahr zu Jahr mehr. "Allein der gewerbliche Stromkostenaufwand liegt zwischen 1200 und 1300 Euro", sagt eine Angestellte einer alten Traditionsbäckerei in der Stadt. Ihr Name sowie die Bäckerei sollen nicht genannt werden. Doch weder Discounter noch Strom- und Lohnkosten seien das größte Problem. "Ich kenne viele alten Kollegen, die wegen Auflagen des Ordnungsamts zugemacht haben", sagt die Angestellte. Immer wieder werde man von ihnen "aufgesucht", "und dann heißt es, machen sie mal dies neu, machen sie mal das neu", sagt sie. Da komme schnell mal eine sechsstellige Summe zusammen. "Das ist es, was uns wirklich Schaden zufügt", sagt sie. "Ich kann ein altes Haus aber nicht zu einer modernen Industrieküche umwandeln." Noch gebe es zwar einige von den alten Traditionsbäckereien: "Aber wer weiß, wie lange nach".

Diese Sorge teilt gewissermaßen die Innungsobermeisterin Gertie Riethmacher. Für die Zukunft sieht sie schwarz. "Außer sie spezialisieren sich. Wir brauchen Nischenprodukte", sagt sie. Aber was könnte das sein? Eine Nische im Bäckerhandwerk - das galt zumindest für eine recht lange Zeit - sind Biobrötchen. Hans Öhmen von der gleichnamigen Bäckerei verkauft derzeit ein Bio-Brötchen zu 46 Cent. Mehr als der dreifache Preis als für ein Discounter-Brötchen, ein Drittel mehr als ein normaler Bäcker. Doch die Kunden schätzen die Qualität. Zudem setze er auf Regionalität, das Korn kommt aus der Umgebung. Ein Konzept, das noch aufgeht und immer mehr Zuspruch, aber auch Nachahmer findet.

Und der viel beklagte Nachwuchsmangel, weil die Jugendlichen heute nicht mehr früh aufstehen wollen? Ob als Bäcker, Konditor oder Fachverkäufer in beiden Sparten, für das Ausbildungsjahr 2014/15 sind keine Lehrstellen mehr offen. Für 2015/16 aber noch etliche.

Quelle: RP
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