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Mönchengladbach
Hardterbroicher Arzt trotzte SA-Schikane

Mönchengladbach. Georg Stadeler hat in seinem Familienarchiv Zeitungsartikel von 1933 gefunden, die die Stadtgeschichte lebendig werden lassen. Er fand auch ein Foto, auf dem sein Großonkel Dr. Hans Stadeler von der SA drangsaliert wird. Von Angela Rietdorf

Am 1. Mai 2015 stellte sich Mönchengladbach quer gegen rechtsextremes Gedankengut und einen NPD-Aufmarsch. Aus diesem Anlass kramte der Mönchengladbacher Georg Stadeler in seinen Familienunterlagen und fand aufschlussreiche Unterlagen aus Zeiten, in denen die Demokraten sich nicht rechtzeitig und deutlich genug quer gestellt haben. Es ist ein Artikel aus der Rheydter Zeitung vom 19. Juli 1933 und ein Foto, das einen gewichtigen älteren Herrn zeigt, der - von SA-Männer umringt - ein Schild mit der Aufschrift "Dr. Stadeler der Separatisten-Häuptling" trägt.

"Dr. Hans Stadeler war mein Großonkel", erzählt Georg Stadeler. "Er praktizierte als Hausarzt in Hardterbroich und muss sehr beliebt gewesen sein, ein sehr volksnaher Typ." Nachdem Georg Stadeler Artikel und Bild gefunden hatte, hörte er sich in der Familie um und stieß auf lebendige Erinnerungen an den Arzt. Er sei ein Mensch gewesen mit aufrechtem Gang, der gezeigt habe, "was das (nämlich die Nazis) für Lumpen seien." Bei seinen Patienten habe er sehr viel Vertrauen erweckt, selbst Kinder hatten keine Angst vor einer Behandlung. Ein Hausarzt aus echtem Schrot und Korn also, der da plötzlich als Separatist gebrandmarkt, öffentlich gedemütigt und durch die Straßen getrieben wird.

Die Vorgeschichte, wie sie in den Artikeln der Rheydter Zeitung und der Westdeutschen Landeszeitung nahezu wortgleich dargestellt wird: Dr. Hans Stadeler hatte gegen "einen bekannten hiesigen Nationalsozialisten", den Wirt Hubert Ramrath, eine Beleidigungsklage angestrengt. Vermutlich hatte ihn der Wirt schon als "Separatisten" beschimpft. Die Separatisten hatten sich 1923 für eine unabhängige Rheinische Republik stark gemacht und in Mönchengladbach sogar versucht, das Rathaus zu besetzen. Sie verfügten jedoch über keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung, die sich ihnen im Gegenteil in den Weg stellte. Noch zehn Jahre später scheint das Wort Separatist viele Emotionen auszulösen. In der Verhandlung vor dem Landgericht treten Zeugen auf, die behaupten, Stadeler sei sehr wohl Separatist gewesen. "Der Zuhörer bemächtigte sich eine gewaltige Empörung und eine sich immer mehr steigernde Erregung", schreibt die Rheydter Zeitung. Nach der Verhandlung habe die Menge den Kläger umdrängt und ihm das Schild mit der Separatisten-Aufschrift in die Hand gedrückt. "Die immer mehr anwachsende Menge nahm ihn dann in ihre Mitte und führte ihn, der das ihn brandmarkende Schild selbst tragen musste, über die Hohenzollern- und Schillerstraße die Hindenburgstraße hinauf. SA-Männer hatten inzwischen einen Ring um ihn gebildet und hielten die empörte Volksmenge, die wiederholt auf ihn einzudringen versuchte, von ihm fern." Dass die SA den Arzt schützen wollte, scheint nicht unbedingt glaubwürdig. Sie liefert ihn schließlich bei der Polizei ab - zu seinem Schutz, wie es heißt. Mit dieser öffentlichen Demütigung, die Stadeler, wenn das Foto nicht trügt, ausgesprochen selbstbewusst und ohne erkennbar eingeschüchtert zu sein, übersteht, endet die Geschichte wohl. Vor weiteren Verfolgungen hat ihn vermutlich seine Popularität geschützt. 1937 hat er eine Ehrenerklärung erwirkt, in der klargestellt wird, dass er nie Separatist gewesen sei. Es handelte sich also bei dem Vorwurf um reine Verleumdung, die gegen einen kritischen Geist gewendet wurde.

"Für mich zeigt diese Geschichte, wie die Nazis versucht haben, die Herzen der Menschen zu zerstören", sagt Georg Stadeler. "Das Miteinander, der nachbarschaftliche Zusammenhalt, das wurde zum Teil schnell zerstört." Er selbst engagiert sich seit vielen Jahren bei Amnesty International. "Es ist wichtig, sich abzugrenzen von Angstmacherei und Ausgrenzung", meint er.

Quelle: RP
 
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