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Kolumne "Mensch Gladbach"
Heute trainieren wir Attraktivität

Mönchengladbach. Was macht eine Stadt für neue Bürger, Fachkräfte und Unternehmen attraktiv? Gute Wohnmöglichkeiten. Klar. Und funktionierende Infrastruktur. Da aber ist Nachhilfe nötig. Von Denisa Richters

Ist es nicht schön, wenn Selbstzweifel nach und nach steigendem Selbstbewusstsein weichen? Wie viele Jahre hat sich Mönchengladbach dem Ruf des Provinziellen hingegeben! Obwohl nur in Teilen was dran war. Doch jetzt häutet sich die Stadt, streift das Klischee ab, genießt die spürbare Kraft und Attraktivität. Das Interesse ist groß an Mönchengladbach, entsprechend selbstbewusst treten die Verantwortlichen inzwischen auf - zuletzt bei der Immobilienmesse Expo Real in München.

Doch Wachstumspläne schmieden, Baugebiete ausweisen und sie zahlungskräftigen Investoren anbieten, ist das eine. Doch das Versprechen im alltäglichen Leben zu halten, ist das andere. Attraktiv ist eine Stadt nämlich dann für Bewohner und Gäste von auswärts, wenn die wesentlichen Dinge des Alltags reibungslos laufen. Außer gutem und ausreichend erschwinglichem Wohnraum zählt dazu vor allem eine funktionierende Infrastruktur. Doch da muss Mönchengladbach, das hat die vergangene Woche gezeigt, noch nachsitzen.

Da ist das Liniennetz für den Busverkehr. Betrieben wird es von der Stadttochter NEW, relevante Änderungen beschließt die Politik im Rathaus. Dazu gehört zum Beispiel ein veränderter Fahrplan. Dass eine Änderung immer auf einigen Protest stößt, ist normal. Aber an und für sich ist das keine große Nummer.

Sehr wohl aber, wenn sie tief und irrational in die Lebensabläufe eingreift. Und genau das ist passiert: Aus Spargründen wurde der Takt, in dem die Busse fahren, reduziert. Auf einigen Linien fahren sie also seltener. Man wähnte sich auf der sicheren Seite, denn Basis dafür war eine Analyse der Fahrgastzahlen, so zumindest die Begründung. Welche Zahlen genau analysiert wurden, wissen wir nicht. Die morgendlichen Anfahrtsstrecken zu manchen Schulen waren offenbar nicht dabei.

Jedenfalls müssen etliche Kinder und Jugendliche entweder 40 Minuten vor der Schule warten, bis sich die Türen öffnen, oder zu spät kommen - was auf Dauer nicht von Vorteil für die weitere schulische Laufbahn ist. Für Familien macht das die Stadt sicherlich nicht attraktiver. Und ob da der Hinweis aus dem Rathaus, man wolle mehr Schüler aufs Rad bringen, wirklich klug ist? Ach ja, das Radwegenetz - auch so ein Thema.

Doch bleiben wir beim ÖPNV. Und dem Regiopark in Güdderath, einem Zentrum der Logistikbranche (wofür Mönchengladbach übrigens gerade auf der Expo mit einem Preis ausgezeichnet wurde). Dort arbeiten viele Menschen - für nicht allzu üppigen Lohn und in Schichten. Für die Frühschicht sind die Busse überfüllt, nach der Spätschicht müssen die Mitarbeiter nachts noch mehr als eine halbe Stunde auf den Bus warten. Obwohl sie in diesem Teil der Stadt die Frequenzbringer für den Busverkehr sind, hat man sich bei der Taktänderung offenbar nicht mit den Schichtplänen der großen Unternehmen abgestimmt. Gute Standortpolitik sieht anders aus.

Der Verkehr ist auch der Dauerbrenner im Nordpark. Das Borussia-Stadion ist bei wichtigen Spielen nur nach Geduldsproben im ewigen Stau zu erreichen und zu verlassen, was die Stadt die EM-Austragung gekostet hat, bei Konzerten im Sparkassenpark (und bald im TiN?) kann es in Kombination zum Kollaps kommen. Mit jedem Unternehmen, das sich erfreulicherweise auf dem früheren Flughafengelände ansiedelt, wird der Kampf um den Parkplatz erbitterter. Ja, sollen denn alle Rad fahren?

Nein. Wer als Stadt attraktiv sein will, muss das Leben der Menschen mitdenken und einplanen. Auch das muss trainiert werden. Deshalb: Ein geistreiches Wochenende!

Quelle: RP
 
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