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Mönchengladbach
Hunderttausend Pfennig zur Geburt

Mönchengladbach: Hunderttausend Pfennig zur Geburt
Stadtführer Franz-Josef Wirtz hatte viel zu berichten. FOTO: Rietdorf
Mönchengladbach. Wer erinnert sich an den Kuchenteller? Wer kennt noch den Verlauf des Rheydter Bachs? Geschichte, Geschichten und Anekdoten hat Stadtführer Franz-Josef Wirtz beim Stadtspaziergang durch die Rheydter Innenstadt parat. Von Angela Rietdorf

Wissen Sie, wo der Hohenzollernbrunnen stand? Welche Figuren das Rheydter Rathaus schmücken? Warum das Rheydter Platt wie Holländisch klingt? Und was der Kuchenteller ist? Nein? Franz-Josef Wirtz schon. Und er, der Rheer Jong, teilt sein Wissen gern mit den Teilnehmern der Führung durch die Innenstadt Rheydts. Die Teilnehmer wiederum sind fast ausschließlich Rheydter, die ihre eigenen Erinnerungen und Geschichten mit einbringen. Rheydt und seine Geschichte aus ganz persönlichem Blickwinkel.

Eine Führung muss natürlich im Herzen der Stadt beginnen, auf dem Rheydter Markt also. Dort - mit Blick auf Rathaus, Hauptkirche und Karstadt-Gebäude - erzählt der Stadtführer erst mal von den Anfängen der Stadt, dem Zusammenwachsen aus sechs Höfen. "Das heutige Zentrum Rheydts hieß nur Dorf", erklärt Wirtz. "Oberdorf an der oberen und Unterdorf an der unteren Hauptstraße." Überall sei Sumpf gewesen und daher stammt auch der Name Rheydt - Reet, Reit oder Riet für Sumpf.

Wo heute die Hauptkirche steht, gab es im 13. Jahrhundert eine kleine Kirche, an die sich eine Klause oder ein Beginenhof anschloss. "Die Herren von Schloss Rheydt waren zwar Raubritter, aber sie unterstützten die Frauen, die in der Klause lebten", erklärt der Stadtführer. Wohlhabend wurde Rheydt durch den Flachsanbau und die Leinenherstellung. "Ursprünglich wurde der Flachs nach Holland geliefert, später siedelten sich Holländer in Rheydt an", erzählt er. Sie brachten den reformierten Glauben und ihre Sprache mit, die das Rheydter Platt beeinflusste. Der Reichtum der Textilbarone prägte die Stadt im 19. Jahrhundert. Die kleine alte Kirche wurde gesprengt und ein repräsentativer Neubau errichtet - die evangelische Hauptkirche, größtenteils finanziert aus privaten Spendenmitteln. "Sie ist jetzt wunderschön saniert worden und hat eine großartige Orgel, eine Sauer-Orgel", berichtet Wirtz.

Auch das Rathaus ist um die Jahrhundertwende herum entstanden, mit Figuren, die das Miteinander von Bürgertum und Verwaltung darstellen. Auch ein Ritter ist dabei und ein frommer Wunsch: "Gott allzeit sei mit Rheydt" steht auf der Fassade. Vor dem Rathaus stand der Hohenzollernbrunnen mit fünf preußischen Königen und der Germania an der Spitze. Er hat zwar den Ersten Weltkrieg, aber nicht die belgische Besatzung überlebt. Etwas weniger staatstragend ging es ein paar Schritte weiter zu: im Eulennest - der Ur-Rheydter Kneipe am Markt. "Auf der steilen Treppe ist so ziemlich jeder, der in Rheydt lebte, mal rauf- oder runtergefallen", lacht der Stadtführer.

Weiter geht´s zum Hugo-Junkers-Gymnasium, das an den großen Erfinder erinnert, der aus Rheydt stammt. Aber auch einen weniger positiv besetzten Rheydter vergisst Wirtz nicht: Goebbels. "Er kam aus einer armen Familie, und ein Geistlicher hat seine schulische Ausbildung bezahlt", berichtet Wirtz. "Das hat der Prälat später sehr bereut, wie er mir erzählt hat." Am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge zeigt der Stadtführer auf einem der wenigen existierenden Fotos, wie prachtvoll das Gebäude einmal aussah. Von den etwas mehr als 300 jüdischen Bürgern, die Rheydt einmal hatte, sind 199 während der Nazi-Zeit ermordet worden. Am Harmonieplatz war einmal der Sitz der Gesellschaft Harmonie. "Sie stand allen Bürgern der Stadt offen und aus ihr gingen viele Vereine hervor", sagt Wirtz. "Zum Beispiel der Rheydter Turnverein, den es noch immer gibt."

Der ehemalige Verlauf des Rheydter Bachs wird gekreuzt. "Der wurde zugeschüttet, als ein Junge in einem Schacht verschüttet wurde", erzählt er. Hinter St. Marien macht die Gruppe wieder Station. Wirtz erzählt von der Kirche, dem wiedergefundenen und dann zugeschütteten Grab der Stifterin des Geländes und dem Kuchenteller, dem runden Gebäude am Marienplatz, an dem die Straßenbahnen hielten. "Die Rheydter haben den Abriss sehr bedauert", stellt der Stadtführer fest.

Auf dem Weg durch die Bahnhofstraße erzählt Wirtz von legendären Altweibertreffen und der Geburt der hunderttausendsten Rheydter Bürgerin. "Ihr Vater hatte hier einen Laden", weiß er, "und seine Tochter bekam als hunderttausendste Bürgerin von der Stadt 100.000 Pfennig zur Geburt." Diese kleinen Geschichten machen den Reiz des Spazierganges durch Rheydt aus, bei dem das Leben im alten und nicht ganz so alten Rheydt greifbar und erlebbar wird.

Quelle: RP
 
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