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Mensch Gladbach
Hurra - jetzt werden wir reich. Irgendwann

Mönchengladbach. Wir Gladbacher sind alle glückliche Menschen. Wir lieben die 19 und unsere Borussia. Nein, wir meinen nicht Fabian Johnson, der sich mit der Nr. 19 als Schubert'scher Glücksgriff erwiesen hat. Sekündlich verdienen die rund 265.000 Gladbacher 19 Cent, da die Schulden um diese Summe getilgt werden. Das macht uns froh. Und reich. Irgendwann.

Ups! Wir könnten stattdessen auch "Peng!" rufen. Keine Sorge: Wir werden Sie jetzt hier nicht in die Welt der Comic-Kurzlaute entführen. Aber wenn Sie "Ups!" oder "Peng!" sagen, sind Sie um 19 Cent reicher geworden. "Ups, ups!" - und Sie haben 38 Cent verdient. "Ups, ups, ups!" - jetzt sind's 57 Cent. Das ist nicht irgendein Lotto, von dem wir hier berichten und das Ihnen einen sagenhaften Reichtum verspricht.

"Ups!" steht für eine Sekunde, und 19 Cent sind der Betrag, um den der Schuldenstand der Stadt sekündlich sinkt. Sie haben richtig gelesen: Die Stadt, der Schuldenkrösus vieler Jahre, baut Miese ab. Wir sind ganz verwirrt und schauen nahezu stündlich auf die städtische Schuldenuhr (http://www.moenchengladbach.de/index.php?id=stadtrat_verwaltung), um uns dann vor Begeisterung auf die Schulter zu klopfen, weil endlich die Trendumkehr eingeleitet ist. Seit rund 20 Jahren kannte die Schuldenkurve nur eine Richtung - nach oben. Seit kurzem schweben Stadtkämmerer Bernd Kuckels und seine Mitarbeiter durch die Verwaltungshäuser, weil sie von OB Reiners zu den Helden des frühen 2016 erklärt wurden.

Gut, Sie haben mich erwischt: Das ist übertrieben. Und wir sollten uns keine Scheuklappen aufsetzen und davon träumen, dass wir bald in Saus und Braus leben können. Ein kluger Kopf hat ausgerechnet, dass es etwa 210 Jahre dauern wird, bis wir den Schuldenstand von rund 1,26 Milliarden Euro auf 0 gebracht hätten, wenn sich die Miesen sekündlich um 19 Cent verringerten. Aber da Sie als Gladbacher Bürger die Schulden mitschultern müssen, können Sie ein bisschen aufatmen.

Vielleicht lohnt es sich, noch einmal darauf zu schauen, was die Trendumkehr eingeleitet hat. Es war eine Entscheidung des oft geschmähten Ampel-Bündnisses aus SPD, FDP und Grünen, das weiß Gott nicht immer glückliche Beschlüsse fasste. Aber die Teilnahme am Stärkungspakt mit den damit verbundenen finanziellen Segnungen des Landes und der klaren Vorgabe, dass die Stadt sparen oder Einnahmen erhöhen muss, erweist sich nicht nur als Rettungsanker, sondern ist für eine Stadt im Aufbruch wichtig. Sogar die CDU, einst erbitterter Gegner der Stärkungspakt-Lösung, hat ihren Frieden damit gemacht. Weil's funktioniert.

Die 19 Cent pro Sekunde, die wir bei den Schulden tilgen, haben vor allem eine symbolische Bedeutung. Die Primzahl 19 steht dafür, dass es in der Stadt bergauf geht. Das lässt sich wunderbar verkaufen. Wenn also der Herr Schlipköter von der MGMG bei der nächsten Tourismus-Börse oder der Herr Schückhaus von der EWMG bei der Expo-Real so quasi beiläufig erklären, dass wir hier in Mönchengladbach am Tag 16.416 Euro städtische Schulden abbauen, denken mögliche Investoren vielleicht: "Ups, dann lassen wir da mal unser Geld!"

Wir Gladbacher sind aber leidgeprüft und wissen: Das kann sich schnell ändern. Wenn etwa die Einnahmen einbrechen. Oder Gladbach nicht mehr die Stadt des Aufbruchs ist. Und was machen wir dann? In petto haben die Politiker immer die konditionierte Eventualsteuererhöhung - eine kuckel'sche Erfindung. Sie satteln dann bei den Steuern drauf und erklären das zur Ultima ratio. Bis dahin aber gibt's hoffentlich noch viele "Ups!"

Quelle: RP
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