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Mensch Gladbach
Ich bekenne mich

Mönchengladbach. Es ist ganz schön anstrengend, sich in dieser überdrehten Welt seiner eigenen Bedeutung zu vergewissern. Da müssen selbst Banalitäten wie essen und sich bewegen zum Lebensgefühl (für unsere internationalen Gäste: lifestyle) stilisiert werden. Gladbach ist entspannter - ein ganz eigenes Pflaster. Und wenn Sie das für eine blöde Anspielung halten, sage ich: Willkommen! Welcome! Bienvenue!

Früher musste ich mich nur dagegen verwahren, dass ein großer deutscher Automobil-Club so tat, als mische er sich in meinem Sinne in die Verkehrspolitik ein. Dabei wollte ich eben nicht im übertragenen, sondern im buchstäblichen Sinne abgeschleppt werden. Heute muss ich auch noch erklären, in welchem Geiste ich Rad fahre. Ich bin schon mit 10 Jahren alleine mit dem Rad zur Schule gefahren - und das auch noch ohne Fahrradhelm. Liebe Kinder daheim an den Volksempfängern, bitte nicht nachmachen. Aber der Helm war damals schlicht noch nicht erfunden. Genau so wenig wie das Handy. Merkwürdigerweise habe ich das eine wie das andere überlebt und kann deshalb heute immer noch Rad fahren. Und ich tue das genau so unreflektiert und tumb wie seinerzeit. Ich verbinde damit weder ein Lebensgefühl. Noch will ich ein Statement damit abgeben: gegen Autos. Für Radautobahnen. Oder für ein besseres Leben.

Ich bin sowieso nicht so sendungsbewusst, wie man es als Kolumnen-Schreiber vielleicht sein müsste. Ich habe meine Frau nicht mal geheiratet, um die queeren Menschen zu provozieren. Und ich esse auch nicht deswegen Salat, um mich moralisch über die Liebhaber von Tiefkühl-Pizzen zu erheben. Ich esse einfach gerne Salat. So wie ich gerne verheiratet bin. Und - wenn es nicht zu doll regnet - gerne radfahre.

Ich ahne, dass das zu undifferenziert ist. Und ich wenigstens ab und zu mal Rad für die Wiedervereinigung von Gladbach und Rheydt fahren sollte. Oder für die Transgender-Queer-Dingens-Ehe einen Salat essen könnte. Und dazu einen Latte-Chai-Tee trinken. Mach ich aber nicht. Ich bekenne mich dazu, mich nicht gern alle paar Jahre für irgendwas Neues zu bekennen.

Darum finde ich ja Gladbach so heimelig. Pflaster zum Beispiel, da wissen wir doch ganz genau und für alle Zeiten: Das ist nicht so unseres. Ich erinnere mich gerne an die Diskussion, welchen Belag man denn auf den Alten Markt und die Hindenburgstraße legen sollte. Alle befragten Gutachter sagten: Asphalt, bloß kein Pflaster. Sonst ist das, bei den ganzen Bussen, die da drüber donnern, ratzfatz kaputt. Gelegt wurde natürlich Pflaster. Komischerweise ist das dann kaputt gegangen. Mehrfach. Und noch heute könnte man die Aufnahmen zur ersten Mondlandung locker auf der Hindenburgstraße simulieren. Auf dem Rheydter Marktplatz hat man dann Jahre später mit erstaunlicher Treffsicherheit genau das Pflaster ausgewählt, dass sich am allerschlechtesten reinigen lässt. Man kann aber auch nicht wirklich an alles denken. Schließlich wurde am Ende eine ganz neue städtische Tochter zur Reinigung des Rheydter Marktes gegründet. Was jede Menge Arbeitsplätze geschaffen hat. Also alles bestens. Nun hat der neue Belag, auf dem die Esel mit ihren frisch gelöteten Schwänzen rumstehen, Flecken. Was nicht an den Eseln liegen kann. Denn die sind stubenrein, hat die Künstlerin versichert. Heißt: Pommes werden in Sonnenhausplatznähe nur noch ohne Ketchup verkauft. Glühwein geht gar nicht. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, legt man am besten eine Plastikdecke aus. Kann ja durchsichtig sein.

Ich bekenne, wenn ich mir das vorstelle, bekomme ich allerbeste Wochenend-Laune.

Quelle: RP
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