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Mensch Gladbach
Ich hab Sie trotzdem lieb

Mönchengladbach. Die wahren beiden Mega-Trends unserer Tage sind ja: Fakten sind unwichtig. Denn was wahr ist, bestimme immer noch ganz alleine ich. Und wer nicht meiner Meinung ist, hat erstens keine Ahnung, sollte zweitens auf der Hut sein, weil er sich gerade drittens als mein natürlicher Feind qualifiziert hat. Liebe Hater, Rechthaber und Schlechtmacher - herzlich willkommen in meiner Kolumne!

Sind Sie auch am vergangenen Sonntag mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Gladbacher City gehuscht? Ist ja klar, dass man bei so was nicht erwischt werden will. In aller Öffentlichkeit. Wenn das alle machen würden... Einkaufen. Am Sonntag. Dann würden die Händler Umsatz machen. Die Angestellten hätten ihren Job noch sicherer. Und die Einkaufenden müssten sich weder unter der Woche abhetzen noch am Sonntag auf dem Weg nach Roermond im Stau stehen. Das wäre ja... Tja, das wäre ja einfach nur Markt. Ist eindeutig nix für uns. Weswegen ja die Gerichte nach und nach die ganzen verkaufsoffenen Sonntage kippen.

Es ist schon eine Herkules-Aufgabe, Menschen daran zu hindern, ihr Glück zu finden. Wie erklärt man so was eigentlich einem syrischen Flüchtling? Wir verbieten, dass die Läden offen sind - sonst kauft am Ende noch jemand was? Und warum denn eigentlich nur sonntags? Gehören die Handels-Mamis-und-Papis ihren Kindern nicht auch am Dienstagnachmittag zwischen 15 und 17 Uhr und Freitags morgens um 9 Uhr. Ich bitte Sie - da geht noch mehr Zwangsbeglückung. Ganz sicher.

Es ist schon verdammt anstrengend, Deutscher zu sein. Weil wir immer alles ganz besonders richtig machen müssen. Und weil wir das dann doch oft nicht so gut hinbekommen, schreiben wir es uns halt lieber gegenseitig vor. Wann wir einkaufen, wann wir es was essen, welche Glühbirnen wir nehmen. Ja auch, wann und wie wir traurig sind. Nicht mal das mit dem Gedenktag an die Reichspogromnacht schaffen wir, wenn man uns nicht mit Nachdruck hilft. Zum ersten Mal hat es keine gemeinsame zentrale Veranstaltung von jüdischer Gemeinde und Stadt gegeben. Trotz ernsthafter Bemühungen der christlichen Kirchengemeinden und des Oberbürgermeisters.

Doch obwohl wir die besten Regulierer im ganzen Planetensystem sind, geht uns manchmal was durch. Warum stehen jetzt da diese ganzen Holz-Buden vor dem schönen neuen Sonnenhausplatz? Weil Weihnachten ist - also in ein paar Monaten? Oder, weil wir jetzt die Sichtachsen betonen wollen - also die Sichtachse bis zur nächsten Bratwurst? Oder weil zu viel freier Raum in so einer Stadt automatisch dazu führt, dass die Eselschwänze abfallen?

Von Eselschwänzen auf die FDP überzuleiten - die Freiheit nehme ich mir. Die Ex-Wirtschafts- und Ex-weniger Staat und Ex-Hotelbesitzer-Partei ist ja beim Reflektieren über ihre tausende Ex-Wähler in der Stadt auf eine töfte Idee gekommen. Um nicht wieder an der falschen Seite anzuecken und am Ende als Strafe in eine Ampel zu müssen, haben sie sich einen neuen Daseins-Zweck gesucht. Also irgendwas, wo niemand ernstlich was dagegen haben kann. Wahrscheinlich hat erst einer Borussia gerufen, dann einer Katzenvideos, bis sie dann drauf gekommen sind: Familien. Das ist alt und jung und traditionell und hip und Stadt und Dorf. Und nun richten die Liberalen also ihr Wirken gänzlich am Familienthemen aus. Erst wenn der letzte Spielplatz saniert, der letzte Chemieraum gestrichen, das letzte Schulklo geputzt ist - und vor allem wieder genug Leute die FDP wählen - ist Schluss mit dem Spuk.

Sie können das übrigens alles ganz anders sehen. Ich hab Sie trotzdem lieb.

Quelle: RP
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