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Serie Denkanstoss
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen

Mönchengladbach. Bald soll es auch in Mönchengladbach auf den Friedhöfen Aschefelder geben - unser Autor lehnt das ab. Für ihn sollten Verstorbene eine feste Stelle erhalten, für sich selbst und für ihre Angehörigen. Von Martin Gohlke

Am Dienstag war in der Tageszeitung zu lesen, dass es den Plan gibt, künftig Aschefelder auf städtischen Friedhöfen im Mönchengladbach einzurichten. Solch eine Bestattungsart gab es bei uns noch nicht, während sie in Holland seit vielen Jahren in Gebrauch ist. Auch in Erkelenz existiert sie seit einiger Zeit. Nun soll diese Möglichkeit auch in der Vitusstadt eröffnet werden. Die Asche des Verstorbenen wird dazu auf speziellen Wiesen verstreut. So vermengt sich die Asche verschiedener Personen miteinander, da auf eine Urne gänzlich verzichtet wird. Die Asche wird unter freiem Himmel schnell abgebaut und es gibt bald keine Rückstände mehr. Asche folgt auf Asche. Im Laufe der Jahre werden sich so die sterblichen Überreste von einigen Hunderten auf einer Wiese befunden haben, aber keiner weiß die genaue Stelle, wo sich die Asche des einzelnen Verstorbenen befindet.

Dazu meine persönliche Meinung. Der Schlüsselsatz in diesem Zusammenhang ist für mich das Bibelwort: "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!" (Jesaja 43,1) Gott ist es, der mich ins Leben gerufen hat. Er kennt mich bei meinem Namen. Ich bin sein. Bei unserer Geburt hat uns keiner gefragt, ob wir zur Welt kommen möchten oder nicht. Manche sind glücklich darüber, dass sie leben, manchen aber fällt das Leben schwer und sie fragen sich: "Was soll das Ganze? Warum bin ich überhaupt hier?" Meine Zuversicht ist, dass jeder Mensch gewollt und geliebt ist. Gott kennt jeden von uns bei unserem Namen. Ich bin in Gottes Augen eine wertgeschätzte und kostbare Person. Ich bin kein Nichts im unendlichen Universum, sondern ein Mensch mit besonderen Eigenschaften und Talenten. Gott hat seit unserer Geburt eine Beziehung zu uns aufgebaut. Eine Beziehung aber lebt davon, dass ich jemanden ansprechen kann und ich mich ansprechen lasse. Unser Ich ist auf ein Du angewiesen, sonst verkümmert es. Unser Name ist wichtig für Gott. Er würdigt unseren Namen. Bei ihm sind wir nicht vergessen. Aschefelder, wie sie in unserer Stadt auf Friedhöfen geplant sind, lehne ich deshalb ab. Der Verstorbene soll eine feste Stelle erhalten, wo er in Ruhe zu Erde werden kann. Auch für die Angehörigen, das weiß ich aus der Seelsorge, ist eine feste Anlaufstelle, wie sie eine Grabstelle bietet, sehr wichtig. Mir ist noch ein Vorfall aus meiner ehemaligen Gemeinde lebhaft vor Augen, bei dem die Witwe eines Verstorbenen - die beiden waren geschieden und hatten lange keinen Kontakt mehr - zu mir kam mit der Frage, wo ihr Mann begraben sei. Da er anonym bestattet worden war, konnte ich ihr das leider nicht beantworten. Wie verzweifelt war diese arme Frau damals! Es bedurfte einiger Gespräche, um sie wieder zu beruhigen.

Solche Aschefelder, wie sie geplant sind, mögen zwar die Kosten sparen. Die Frage aber ist, ob da nicht am falschen Ende gespart wird. Für die Angehörigen kann das später fatal sein. Es heißt zwar: "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube." Die Frage aber ist, wie dieser Prozess vonstattengeht. Ruhig und mit der Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Man bedenke: Bei jedem läuft die Trauer anders ab, der eine trauert länger, der andere kürzer - das weiß vorher kein Mensch. Oder anonym, schnell und ohne die Möglichkeit zum Besuch einer Grabstelle. Von daher ist das Argument, seinen Angehörigen nicht zur Last fallen zu wollen, zu kurz gegriffen. Es kann für die Angehörigen gerade das Richtige sein, dass sie eine feste Anlaufstelle haben und somit ihre Trauer besser verarbeiten können.

Noch heute besuche ich das Grab eines ehemaligen Klassenkameraden, der im Alter von 17 Jahren an Krebs gestorben ist. Sein Tod hat mich damals als jungen Menschen so berührt, dass dies mit ein Grund war, das Theologiestudium aufzunehmen. Ich bin froh und dankbar, dass sein Grab noch existiert und ich es regelmäßig besuchen kann. Auch wenn ich keine Erklärung dafür habe, warum er so jung sterben musste, tröstet mich die biblische Zusage, wenn ich an seinem Grab stehe: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!"

MARTIN GOHLKE (52, VERHEIRATETET, 5 KINDER), PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE WICKRATHBERG.

Quelle: RP
 
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