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Mönchengladbach
Ich war an der Spitze der Schnäppchenjäger

Mönchengladbach: Ich war an der Spitze der Schnäppchenjäger
Jan Dobrick wartet in seinem Klappstuhl vor dem Center auf die Eröffnung (unten), um pünktlich um 19.30 Uhr als Erster ins Einkaufszentrum zu stürmen. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Rund 5000 Gäste drängten gestern Abend ins Minto. Jan Dobrick von der Rheinischen Post hängte sie alle ab. Von Jan Dobrick

Ich habe mich hingesetzt, blättere in einer Zeitung. Neben mir putzt sich jemand die Nase, ein anderer hustet. Man könnte meinen, ich warte darauf, dass eine Sprechstundenhilfe meinen Namen brüllt: "Herr Dobrick, bitte in Zimmer vier." Ich sitze aber gar nicht beim Arzt, ich hocke vor dem Haupteingang des Minto und warte auf meinen Einsatz. Um 19.30 Uhr öffnet das neue Shopping-Center seine Tore für rund 5000 Gäste. Es ist 19.10 Uhr: Die Menge, die sich um den roten Teppich an der Hindenburgstraße versammelt hat, wird langsam nervös.

Einige haben sich - vermutlich für die Jagd nach den Eröffnungsangeboten - Laufschuhe angezogen. Das Rahmenprogramm läuft, eine Brass Band spielt, gleich geht der Countdown los. 19.28 Uhr: Ich mache vorsichtshalber Dehnübungen. Hinter mir sortiert ein Mann sein Geld in eine Bauchtasche. Ich bin aufgeregt, rechne im Auge des Sturms mit aufgeschlagenen Knien, Schweiß und Tränen. Aggressive Kampfschreie, splitterndes Glas, das schrille Lalülala eines Krankenwagens; so stelle ich mir das Szenario vor.

FOTO: Nein

Drei, zwei, eins, Attacke! Ich spüre die gesunde Sonderangebots-Rivalität der Besucher, die sich ins Erdgeschoss schieben. "Hopphopphopp", ruft eine Frau. Drehe mich im Eingang um 360 Grad: alle Achtung, ganz schön schick der Laden. Viele Leute zücken ihre Smartphones, knipsen wie wild um sich. Positiv: Es gibt anscheinend niemanden, der im unkontrollierten Kaufrausch kratzt und beißt.

Wir dringen weiter ins Center vor, die Masse verteilt sich allmählich. Eine ältere Dame lässt mich an der Rolltreppe vor, weil sie "alle Zeit der Welt" hat. Die Besucher erobern die Ruhezonen, die im Minto großzügig verteilt wurden. Irgendwo soll ein digitales Aquarium stehen. Je weiter ich mich vom Haupteingang wegbewege, desto ruhiger wird es. Man möchte sich mit einem Klappstuhl in die Arkaden setzen, die Füße hochlegen und die Angel auswerfen. Doch dafür bin ich nicht hier.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Scheuklappen auf, Ziel fokussieren: die Eröffnungsangebote. Hin und her, hoch und runter, rein und raus - ich streune durch das Center, drücke mir an den Schaufensterscheiben die Nase platt. Einige Verkäufer schreien einem ein engagiertes "Hallo!" entgegen. Ich will schon eine Ewigkeit den Kleiderschrank auffüllen, habe extra das Marmeladenglas mit dem angesparten Kupfergeld in Scheine gewechselt. Ich bin der erste Kunde, die Geschäfte haben also alles in meiner Größe: Shirts in M, Schuhe in 43, Hosen in 33/32. Bevor ich zuschlage, hole ich mir noch ein Eis, sonst habe ich gleich keine Hand mehr dafür frei. Ich schlendere mit Schokolade und Stracciatella durch den G-Star-Shop, greife mir Shirts - sind ordentlich Prozente drauf. M passt nicht, L sieht ganz gut aus, trage ich aber aus Prinzip nicht.

FOTO: Reichartz,Hans-Peter (hpr)

Nächste Station: H&M. Blaues Hemd in M, beige Shorts - ab in die Umkleidekabine. Passt astrein. Ich höre von nebenan laute Stimmen. Frage: "Wann willst du das denn anziehen? Darin siehst du aber blass aus." Antwort: "Ich gehe jetzt mal alleine los, wir treffen uns in einer Stunde vor Vapiano wieder." Ich gehe zur Kasse, spare ein bisschen durch einen Rabattcoupon.

Langsam bewege ich mich zum Ausgang. Ich bin einer der Ersten, der das Shopping-Center mit einer Tüte verlässt. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, mit einem Flachbildfernseher unter dem Arm aus den Arkaden zu rennen und zu brüllen: "Geil, den habe ich bei Saturn gewonnen, den habe ich gewonnen." Doch ich würde mir entweder einen Bruch heben oder stolpern und mir die Knie aufschlagen. "Herr Dobrick, bitte in Zimmer vier." Das muss echt nicht sein.

Quelle: RP
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