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Serie Denkanstoss
"Ich will Tulpen!"

Mönchengladbach. "Mir reichts!", sagt meine Mutter. Sie packt die letzte Christbaumkugel in den Pappkarton, friemelt das Lametta vom Tannenbaum und erklärt: "Ich will eine gelbe Tischdecke mit Tulpen." Ich höre die mindestens drei Ausrufezeichen hinter diesen Worten. Da hilft es auch nichts, dass ich Mutti streng angucke und sie darüber belehre, dass es nach dem Kirchenkalender immer noch Weihnachten ist und dass es gar nicht gut ist, wenn man keine Zeit hat. Dabei übersehe ich geflissentlich die bunten Primeln, da wo gestern noch die Weihnachtspyramide stand. Meine Mutter zeigt aus dem Fenster. "Aber für diese Trübnis habe ich keine Zeit!" sagt sie. Damit ist der Drops gelutscht. Von Martina Wasserloos-Strunk

So wie ihr geht es vielen in diesen Tagen: trübes Wetter, Nieselregen, kalt oder nicht mal das. Es ist dunkel, man fühlt sich fern vom Frühling und von heiteren Sommertagen. Das kann auf die Stimmung schlagen. Nach den ganzen schönen, hoffnungsvollen Geschichten der vergangenen Monate - St. Martin, Nikolaus, Weihnachten - sind wir im wahrsten Sinne in einer kalten Zeit angekommen. Was wir jetzt brauchen sind die schönen Begegnungen, die das Herz wärmen, den Sinn erfreuen und ein bisschen Licht in unsere Zeit bringen.

Zum Beispiel meine Begegnung mit den Sternsingern. Die standen am vergangenen Sonntag bei Eiseskälte vor meiner Tür und fragten nach einer Spende für die diesjährige Aktion: Kinderarbeit in Indien. Es geht um die Errichtung von Schulen in Indien, um Einhaltung internationaler Standards und um den Schutz der Kinder. Die Sternsinger haben etwas gelernt über die Bedingungen, unter denen viele Kinder in Indien leben. Ich muss zugeben: Ich mag das ja mit dem Segen an der Haustür. Ist zwar katholisch. Aber so ein Segen, der tut's ganz sicher auch für Evangelische und schließlich ist es ja Christus, der segnet - allerhöchste Instanz also. Nein, ohne Quatsch: eine schöne Tradition! Es ist schön, wenn sich Kinder für Kinder einsetzen. Es ist nötig, dass sie früh lernen, solidarisch zu sein. Und es ist in unserer Zeit vielleicht dringender denn je, Interesse daran zu wecken, wie andere Menschen leben. Nicht zu vergessen - gut, dass uns die Kinder mit ihrer Aktion daran erinnern, dass das für uns alle gilt! Die drei Kleinen vor meiner Haustür waren voll bei der Sache! Kaspar flirtete mit meinem Hund, Balthasar sagte sein Sprüchlein auf, und Melchior kratzte sich an den rotgefrorenen Ohren. Dabei guckte er mich etwas ratlos an und meinte: "So eine Krone wärmt nicht!" Ein Philosoph, der kleine König.

Es war eine nette, herzerwärmende Begegnung. Gegen die Trübnis und die dunklen Tage. Fast wie ein Strauß Tulpen auf einer gelben Tischdecke - den geh' ich jetzt für Mutti kaufen!

DIE AUTORIN IST LEITERIN DER PHILIPPUS-AKADEMIE DES EV. KIRCHENKREISES

Quelle: RP
 
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