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Mönchengladbach
Im Altenheim heilt das Singen Wunden

Mönchengladbach: Im Altenheim heilt das Singen Wunden
Isabelle Razawi gibt am Keyboard den Ton an. Ihre wunderschöne Stimme klingt hell durch die Flure des Windberger Altenheims. Die Bewohner schauen in ihre Liederbücher und singen mit - anfangs noch ein bisschen vorsichtig, dann immer mutiger und immer freier. FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Liebeslieder sind der Renner an diesem Nachmittag im Altenheim Windberg. Isabelle Razawi kommt regelmäßig ins Haus und singt mit den Bewohnern. Das Liederbuch brauchen die meisten nicht, die alten Texte kennen sie auswendig. Von Inge Schnettler

Frau Neumann* muss noch mal schnell in ihr Zimmer. Sie kurvt mit ihrem Rollator um die Ecke. Im Verschwinden ruft sie noch: "Ich bin aber pünktlich wieder zurück." Denn das Singen möchte sie nicht verpassen. Isabel le Razawi sitzt bereits am Keyboard, das Liederbuch ist aufgeschlagen, die Sänger warten auf ihren Einsatz. Es kann losgehen. Die Sopranistin, die von 2006 bis 2011 am Gemeinschaftstheater Mönchengladbach-Krefeld engagiert war, stimmt das Lied "Im Frühtau zu Berge" an. Die Textzeile "Ihr alten und wohlfeilen Leut', ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit" singen die Bewohner des Altenheims an der Marienburger Straße mit Nachdruck und Schmackes. Und zum "fallera" wird rhythmisch geklatscht.

Es geht Schlag auf Schlag, und die Gesänge werden immer mutiger - und lauter. Am vorderen Tisch sitzen zwei Frauen und zwei Männer, die es echt drauf haben. "Das Wandern ist des Müllers Lust", "Horch, was kommt von draußen rein" - der klingt in der Tat echt chorisch. Dazu später. Frau Neumann ist inzwischen zurück. Sie erkämpft sich ihren Stammplatz direkt neben der Kommode. Dazu müssen lediglich zwei Rollatoren umgeparkt werden. Mitsingen will sie nicht, aber zuhören.

Heilsames Singen heißt das, was Isabelle Razawi regelmäßig in den städtischen Altenheimen anbietet. Eine Stunde Volkslieder und Schlager aus den 20er Jahren - eine Stunde geselliges und verbindendes Singen - eine Stunde Glück. Isabelle Razawi hat eine Ausbildung zur Singleiterin in Altenheimen absolviert. Sie weiß, wie gesund Singen für Senioren ist. Sie werden durch die Musik ein Stückchen zurück ins Leben geholt werden. Selbst stark demente Bewohner singen mit, auch wenn sie ihre Sprache eigentlich schon lange verloren haben. "Manchmal geschehen echte Wunder", sagt Isabelle Razawi. Und weiter geht's mit Liebesliedern.

"Wenn alle Brünnlein fließen" - hell klingt die Stimme der Sopranistin durch die Flure des Altenheims. Immer mehr Bewohner finden den Weg zum Gesang. Am hinteren Tisch im Wohnbereich sitzt eine sehr schöne alte Dame mit gewelltem schlohweißem Haar. Sie richtet ihren Blick unverwandt nach draußen, sie singt mit, ohne einmal in das Liederbuch sehen zu müssen. Sie kann ihren Text, sie singt ihn und lächelt. "So viele Liebeslieder", sagt Isabelle Razawi. "Jetzt sind wir alle schon ganz verliebt." Der eifrige Sänger, der, wie sich herausstellt im hauseigenen Chor "Die Caprifischer" singt, meint: "Das macht der Sommer." Ja, im Windberger Altenheim gibt es viele musikalische Bewohner. Sie spielen Instrumente und singen gemeinsam.

"Das ist aber keine Voraussetzung", sagt Isabelle Razawi, die regelmäßig in allen Altenheimen der Sozial-Holding mit den Bewohnern singt. "Es ist wissenschaftlich belegt, dass Singen ein Gesundheitserreger ist.". Beim Singen werden Glückshormone freigesetzt, die Atmung verändert sich, das Angstzentrum wird lahmgelegt. Menschen, die singen, sind physisch und psychisch gesünder als Menschen, die nicht singen - so ist das.

Frau Neumann lauscht den Gesängen. Sie wirkt entrückt, ihre Augen werden kleiner, fallen schließlich zu. "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen", singen ihre Mitbewohner. Hört Frau Neumann den Klang, oder ist sie eingeschlafen? Egal. * Name geändert

Quelle: RP
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