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Ausflug zur Schwalm
Im Tal der 40 Mühlen

Ausflug zur Schwalm: Im Tal der 40 Mühlen
In der Schrofmühle in Wegberg-Rickelrath: Mühlenchef Ferdinand Müller (re) erläutert die Kornmühle. FOTO: Philipp Schaffranek (Archiv), Marion Lisken-Pruss
Mönchengladbach. Eine resolute Großmutter, eine versehentliche Hinrichtung und eine Premiere: An der Schwalm betrug der Abstand zwischen den Mühlen früher nicht mal einen Kilometer. Eine Reise in die Vergangenheit. Von Marion Lisken-Pruss

Ferdinand Schmitz klettert behände die steile Stiege hinauf, zieht mit Kraft an einem Balken, und allmählich setzen sich zwei tonnenschwere Mühlsteine in Bewegung. Draußen rauscht der Mühlenbach, und das Gebälk unter den Füßen vibriert. "Bitte legen Sie nicht die Finger zwischen die Mühlsteine", warnt er die Besucher. Er ist Chef der Rickelrather Schrofmühle, die sich seit 200 Jahren in Familienbesitz befindet.

"Es klappert die Mühle" lautet das Motto der Rundfahrt durch das Schwalmtal, die die Marketinggesellschaft Mönchengladbach am Samstag durchgeführt hat. 22 Sitzplätze hat der kleine Bus, und die sind ausnahmslos belegt. Vier der Teilnehmer sind aus Düsseldorf angereist, genauso viele aus Köln. Alle haben sie die 50 Jahre bereits hinter sich gelassen. Festes Schuhwerk tragen sie, und manche haben eine Wasserflasche mit dabei.

FOTO: Schaffranek Philipp

Rund 40 Wassermühlen gab es einmal an der Schwalm und ihren Nebenbächen - das heißt, dass der Abstand zwischen den Mühlen nicht mal einen Kilometer betrug. Dort mahlte man nicht nur Korn, sondern presste auch Flachs- oder Leinsamen zu Öl. Am Niederrhein wurde über Jahrhunderte hinweg Flachs angebaut, dessen Fasern man zu Leinenstoffen verarbeitete. Quasi als Nebenprodukt fielen die ölhaltigen Flachssamen an, weshalb die Mühlen längs der Schwalm überwiegend Ölmühlen waren.

Und die hatten eine hohe Bedeutung: "Hier wurden die Preise bestimmt, die sogar in Köln und Antwerpen galten", erläutert Stadtführerin Britta Heß. Sie nennt Fakten und erzählt Anekdoten und reicht immer wieder historische Fotos oder Landkarten durch den Bus.

In Tüschenbroich macht dieser zum ersten Mal Halt. Eine Hochzeitsgesellschaft sitzt auf der Terrasse des Ausflugslokals "Tüschenbroicher Mühle", während einige Meter weiter eine Gruppe junger Leute Minigolf spielt. Kaffeedurst stellt sich ein bei den Reisenden. Aber eine Einkehr ist bei der Tour nicht vorgesehen. Einige Teilnehmer holen sich am Minigolfplatz einen Coffee-to-go. Es sei der erste ihres Lebens gewesen, erzählt eine Dame später im Bus. Das Tüschenbroicher Schloss erhebt sich im Hintergrund, und auf dem Weiher davor zieht ein Ruderboot seine Kreise.

Die historische Kornmühle befindet sich neben dem Restaurant und wird gerade renoviert. Doch mit der gruseligen Geschichte der Ulrichskapelle ein paar Meter weiter kann sie kaum mithalten. Früher gab es viele Anlässe, eine Kapelle zu bauen. Dass man seinen Sohn versehentlich hinrichten ließ und anschließend aus Gram eine Kapelle errichtete, war selbst im 17. Jahrhundert ungewöhnlich. Dem Grafen auf Schloss Tüschenbroich ist es so passiert. Den Ort der Hinrichtung, einen Messerturm, gibt es heute nicht mehr; der Vater hatte ihn abreißen lassen. Er war mit Messern bestückt, und die Verurteilten, die von oben in die Tiefe gestürzt wurden, kamen unten zerstückelt an.

Als die billigere Baumwolle aufkam und den Flachs verdrängte, wandelten viele Müller ihre Mühlen in Gasthäuser um, die teilweise bis heute überlebt haben. So wie die Holtmühle oder die Lüttelforster Mühle. Nur eine Müllerin hat sich erfolgreich gegen den Niedergang ihrer Mühle gestemmt: die Großmutter von Ferdinand Schmitz. Sie habe dafür gesorgt, dass das Mahlwerk nicht abgebaut wurde, erzählt ihr Enkel. Was ihm und seinem Vater eine Verpflichtung ist. Sie haben die Mühle restauriert, die heute als einzige funktionstüchtige Getreide- und Ölmühle im Rheinland gilt.

Nach drei Stunden trifft der Bus wieder am Parkplatz am Geroweiher ein. "Es ist fast wie ein kleiner Urlaub gewesen", sagt eine Dame zum Abschied.

Quelle: RP
 
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