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Peter Schallenberg Und Arnd Küppers
Integration - Herausforderung für Europa

Peter Schallenberg Und Arnd Küppers: Integration - Herausforderung für Europa
Peter Schallenberg (r.) und Arnd Küppers von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle. FOTO: Raupold/Archiv
Mönchengladbach. Seit 1968 lädt die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle zu Sozialethiker-Tagungen nach Gladbach ein. Am 18. und 19. Mai ist es wieder so weit. Diesmal sprechen im Ratssaal namhafte Referenten über Konsequenzen aus der Migration. Von Dirk Richerdt

Seit 2010 leitet der Moraltheologe Peter Schallenberg (53), Professor an der Theologischen Fakultät Paderborn, die von der Deutschen Bischofskonferenz eingerichtete Forschungsstelle an der Brandenberger Straße. Mitveranstalter der Sozialethischen Gespräche ist die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE). Wir sprachen mit Peter Schallenberg und seinem Stellvertreter, Arnd Küppers (43), über das diesjährige Programm.

Die Sozialethischen Gespräche knüpfen in diesem Jahr direkt an das Programm der Tagung 2016 an: Statt den Rundumblick auf Flucht, Migration und Integration lenken Sie den Fokus diesmal auf das gesellschaftspolitische Erfordernis der Integration von Migranten. Wie ist die Diskussion dazu vorangekommen?

Peter Schallenberg Dieses Thema ist so breit angelegt und nach wie vor im Fluss, dass es uns sinnvoll erscheint, den Themenkomplex Flucht, Migration, Integration nicht nur einmal abzuhandeln. Diesmal setzen wir den Schwerpunkt in einem Aufgabenfeld, das Deutschland und auch die EU dauerhaft intensiv beschäftigen wird: Integration und Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller und religiöser Herkunft in Europa. Wir haben vielfältige Rückmeldungen aus sozialen und caritativen Einrichtungen zu verzeichnen, die von den Erfolgen, aber auch Problemen bei der praktischen Umsetzung von Integration berichten: von der Caritas, den Maltesern, dem Kolpingwerk zum Beispiel, auch von Bürgerinitiativen, die sich um Integration von Migranten kümmern. Wir haben, wie im Vorjahr schon, Pater Georges Aboud aus Syrien eingeladen. Inzwischen lebt er in Deutschland als Beauftragter der Kirche und Seelsorger für melkitische Christen, die aus Syrien geflüchtet sind. Er kann uns deren Perspektive näher bringen.

Um die Art und Weise, wie Integration zu handhaben sei, gibt es eine aktuelle Debatte: Stichwort "Leitkultur in Deutschland".

Arnd Küppers Angesichts des massenweisen Zuzugs von Flüchtlingen Ende 2015, Anfang 2016 standen erst einmal logistische und technische Herausforderungen im Vordergrund: Unterbringung und Versorgung. Die Frage der Integration ist dabei anfangs zu kurz gekommen. Auch die Thesen des Bundesinnenministers zur Leitkultur zeigen, dass wir hier noch immer am Anfang stehen. Aber es gelangt immerhin Bewegung in diese immens wichtige Diskussion. Gut finde ich, wenn gerade der Bundesinnenminister deutlich macht, dass wir Integration nicht allein unter dem sicherheitspolitischen Aspekt betrachten dürfen, sondern dass das eine Herausforderung ist, die unser aller Lebenswelt insgesamt betrifft.

Schallenberg Die Debatte wird lebhaft und mit viel Emotion geführt. Ich habe konkrete Erfahrungen bei einer Podiumsdiskussion in Essen gemacht, wo es um die Frage ging, inwiefern der Islam zu Deutschland gehört. Da gibt es starke Befürchtungen, besonders in Ballungsgebieten. Andererseits stellt sich die Frage im Zusammenhang mit der großen Zustimmung der in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft zum autokratischen Machtanspruch von Präsident Erdogan. Das ist ein Weckruf, der die Frage aufwirft, was für Fehler in der Vergangenheit beim Thema Integration gemacht worden sind.

Das Thema Integration ist eng verklammert mit den Ursachen von Fluchtbewegungen. Sie betreten Neuland, indem Sie der Öffentlichkeit das Thema Flüchtlinge konkret nahebringen. Erstmals gibt es bei der Sozialethiker-Tagung eine "Roadshow Integration": Das Infomobil des Netzwerkes für Geflüchtete, das vom Kolpingwerk betrieben wird, steht am 18. Mai auf dem Alten Markt. Was ist beabsichtigt?

Küppers Es ist ein Versuch, Erfahrungen aus der Praxis zu vermitteln und dabei auch eine breitere Öffentlichkeit einzubeziehen. Das geschieht am Donnerstag, 18. Mai, bereits ab 13 Uhr auf dem Alten Markt. Unter der Leitfrage "Wie sensibilisieren wir für die Belange von Geflüchteten und tragen zu ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz bei?" möchte Kolping möglichst viele Menschen direkt vor Ort auf die Thematik aufmerksam machen. Die Roadshow hält dabei für jede Altersgruppe Angebote bereit: Spiel- und Mitmachaktionen, multimediale Elemente und Methoden zur Aneignung von Hintergrundwissen über Migration und Integration. Samantha Ruppel, die zuständige Referentin beim Kolpingwerk, wird den Tagungsteilnehmern im Rathaus Abtei um 18.30 Uhr dieses Projekt vorstellen.

Werden sich Ihre Referenten, darunter Marianne Heimbach-Steins vom Institut für Christliche Sozialwissenschaften an der Uni Münster, Politikwissenschaftler Antonius Liedhegener oder die vier Teilnehmer der Podiumsveranstaltung, sich auch dem politischen Islam widmen?

Schallenberg Die sicherheitspolitische Herausforderung durch den politischen Islam ist ein wichtiges Thema. Aber wir wollen den Radius weiten: Die Diskussion über Integration ist etwas anderes als eine über innere Sicherheit. Zumal es sich nicht so verhält, dass Flüchtlinge fast ausnahmslos Muslime sind. Aus Syrien und anderen Ländern des vorderen und mittleren Orients sind viele Christen geflüchtet. Mir bereitet Sorge, was sich in Ägypten entwickeln könnte. Dort gibt es große Spannungen zwischen der muslimischen Mehrheitsbevölkerung und den rund 15 Prozent Christen in diesem großen Land. Prof. Liedhegener aus Luzern, aber auch Weihbischof Dieter Geerlings aus Münster werden in Referaten Aspekte der Religionen in Europa ansprechen. Unsere Sache ist es, die Stimme der Kirche hörbar zu machen.

Was bedeutet das angesichts der kulturellen Vielfalt, die mit Einwanderern bei uns Einzug gehalten hat?

Küppers Beide großen Kirchen in Deutschland stellen sich entschlossen denjenigen entgegen, die nationale Identität vor allem über ethnische und kulturelle Homogenität definieren wollen. Das ist eine Haltung, die mit der Botschaft des Evangeliums nicht vereinbar ist. Aber natürlich ist das Teilen von gemeinsamen Werten, Idealen und Zielen auch in Zeiten wachsender kultureller Vielfalt konstitutiv für unser Gemeinwesen. Mit simplen Schlagworten wird man diesem komplexen Thema nicht gerecht.

Herr Schallenberg, in einem Essay haben Sie die Idee der Menschenwürde herangezogen, um die Frage zu beantworten, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Schallenberg Jeder, der sich zum Grundgesetz und der absoluten Menschenwürde - nicht nur als Forderung, sondern als Grundhaltung - bekennt, der gehört zu Deutschland! Das bedeutet für die Integration: Wir haben einen Grundauftrag der Erziehung, der Erziehung zum mündigen Staatsbürger, zum vernünftig handelnden Menschen. Der vom Grundgesetz gemeinte Bildungsauftrag erschöpft sich eben nicht in der Vermittlung von Wissen. Das wird mitunter ignoriert oder bewusst ausgeblendet.

Sie haben ein Mitglied des EU-Parlaments, die SPD-Abgeordnete Birgit Sippel, eingeladen. Sie spricht über die Reform des europäischen Asylsystems. Klingt nicht gerade spannend.

Küppers Es gibt europapolitisch derzeit kaum Wichtigeres als diese Frage. Erst wenn die Asylgesetzgebung zumindest in Grundzügen auf europäischer Ebene vereinheitlicht worden ist, lässt sich eine wirklich konstruktive Asylpolitik betreiben, die das unwürdige Geschacher um die Aufnahme endlich beendet.

Schallenberg Europa muss eine Haltung finden, wie es auf die widerständige Politik mancher osteuropäischer Staaten reagieren will. Die Frage der Verteilung der Flüchtlinge ist immer noch nicht geregelt.

Tagung 18. Mai, ab 16 Uhr; 19. Mai, ab 9 Uhr; Tagungsgebühr: 15 Euro; Anmeldung unter www.ksz.de.

Quelle: RP
 
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