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Mönchengladbach
Jonas und das Problem der Freiheit

Mönchengladbach. Bei einem Vortragsabend des Wissenschaftlichen Vereins sprach der Theologe Udo Lenzig über den Freiheitsbegriff des in Gladbach geborenen Philosophen. Von Dirk Richerdt

Vor gut 95 Jahren hat Hans Jonas, der berühmte Philosoph, der später in New York lehrte, am Stiftischen Humanistischen Gymnasium Abitur gemacht. So passte die Wahl des "Huma" oberhalb des Hans-Jonas-Parks gut als Ort eines Vortragsabends des Wissenschaftlichen Vereins. Auch wenn der Vorsitzende, Ludolf Kolsdorf, den Vortrag des Jülicher Pfarrers Dr. Udo Lenzig ursprünglich nebenan im Haus Erholung eingeplant hatte. "Der Saal stand heute nicht zur Verfügung", gab Kolsdorf bekannt.

Mit dem Leben und Schaffen des 1903 an der Mozartstraße geborenen jüdischen Denkers Hans Jonas kennt sich Lenzig bestens aus: Er hat sein Studium in Wuppertal mit der Promotion über den Freiheitsbegriff bei Jonas abgeschlossen. Nun erläuterte der 51-Jährige seine Forschungserkenntnisse am Ausgangsort der steilen Bildungskarriere des Denkers, der mit seinem Hauptwerk "Das Prinzip Verantwortung" die Entwicklung der Verantwortungsethik begründet hatte. Was folgte, war ein anspruchsvolles philosophisches Seminar über Weltentstehung, Ontologie und Theodizee aus Jonas' Sicht, also über die Frage der Rechtfertigung eines Gottes, der selbst Monströsestes wie den Holocaust zugelassen habe. Dazu hat Jonas 1984 in dem Aufsatz "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" Stellung bezogen. Er geht zurück in die Welt der Mythen und der biblischen Schöpfungsgeschichte. Danach habe Gott auf einen Teil seiner Gestaltungsfreiheit verzichtet, um sich vollständig in den Schöpfungsprozess einzubringen. In seinem 1929 an seinen Lehrer Rudolf Bultmann gerichteten Essay über einen Römerbrief des Apostels Paulus kommt Jonas zu dem Ergebnis, "dass Freizeit im Letzten ihrer selbst nicht mächtig ist". Ein Jahr später stellt er in der Abhandlung "Augustin und das paulinische Freiheitsproblem" die These auf: "Entweder ist der Mensch frei oder Gott ist allmächtig".

Der zionistische Jude Jonas hält am Gottesbegriff fest und schränkt als Philosoph die Möglichkeit von Freiheit ein. Der Mensch, so Lenzig, empfinde zwar subjektive Freiheit, "aber philosophisch ist für Hans Jonas das Phänomen der Freiheit nicht einholbar". Der evangelische Theologe wählte die Formel "eingefrorene Freiheit". So wie der organische Stoffwechsel schon auf eine Grundentscheidung zum Leben hindeute, sei auch der menschliche Geist berufen, begrenzte Freiheit in Verantwortung zu entwickeln. "Das war starker Tobak für den Kopf", gestand der Vorsitzende Kolsdorf nach dem Vortrag.

Quelle: RP
 
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