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Mönchengladbach
(K)eine ganz normale Familie

Mönchengladbach: (K)eine ganz normale Familie
So sieht es aus, wenn eine Geburtstagsfeier außer Kontrolle gerät - und wenn das Küchentheater probt. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Das Küchentheater arbeitet an seiner neuen Produktion mit dem Titel "Einmal Leben zum Mitnehmen, bitte". Von Arnold Küsters

Freitagabend. Draußen ist es beißend kalt. Drinnen braut sich weit größeres Unheil zusammen. Könnte man meinen, glaubt man dem Standbild in der Kulturküche. Im Raum eine Tafel aus zwei Tischen. Noch ungedeckt. Darauf eine Frau, der Ohnmacht nahe. Um sie herum Figurengruppen: Eine Frau droht der anderen Schläge an, ein Obdachloser trägt einen Jungen auf dem Arm, ein Arzt im Kittel, ein Mann lässt sich die Nägel maniküren. Dazu improvisiertes Lichtgewitter, dramatische Musik, nahezu hysterisch kreischende Geigen. Der erste Satz von Julian verstärkt die Ahnung von der drohenden Apokalypse: "So wäre das unter Umständen gelaufen, wenn uns nicht mal jemand gehörig den Kopf gewaschen hätte." Du meine Güte. Durchatmen.

Theaterpädagoge Dietmar von der Forst lächelt: "Bernds 60. Geburtstag steht an." Nur eine Familienfeier also. Mit Chaos und Streit, Drama, Geheimnisse, Lügen, vielleicht auch Intrigen. Das ist das Thema der dritten Produktion des Off-Theater-Ensembles "Küchentheater". Das Projekt der Kulturküche hat dem Stück den Titel gegeben: "Einmal Leben zum Mitnehmen, Bitte." "Jeder in der Familie hat sein Päckchen zu tragen. Jeder hat mit jedem was, es geht um Selbstfindung, Beziehung, lesbische Liebe, Schwule in Frauenkleidern, Kündigung - das normale Leben, halt." Dietmar von der Forst (50) schätzt, dass das 13-köpfige Ensemble aus Amateuren und Semi-Professionellen rund 25 Proben absolviert hat, bis sich am 12. und 13. April der Vorhang hebt. Im Dezember haben sie sich zum Brainstorming getroffen: Was passiert in einer normalen Familie? Aus dem Material entwickelte der Theaterpädagoge die Idee der Geburtstagsfeier als Brennglas für die Probleme, die jeden in mehr oder weniger harter Form treffen. "Die Proben haben dann im Januar begonnen, freitags und samstags." Dazu reist er eigens aus Berlin an.

An diesem Abend werden Szenen geprobt, an denen noch gefeilt werden muss. Bis zur Premiere kann noch viel passieren, so von der Forst: "Ich gebe vor, was passiert, die Schauspieler improvisieren ihren eigenen Text. Es ist jedes Mal anders. Ich habe noch nichts aufgezeichnet, das Ensemble spielt weitgehend aus der Erinnerung." Und das machen die Akteure professionell. Ihre Spielfreude ist überbordend, dabei sind sie hochkonzentriert. Jeder lässt dem anderen Raum, wer nicht gerade spielt, nimmt Anteil am Geschehen auf der Bühne. In seiner ruhigen Art lenkt der Theaterpädagoge sein Ensemble, unterbricht, gibt Anregungen, bremst, verstärkt, macht Mut, spielt vor, lässt viel Raum. Das gibt auch Platz für Selbstkritik. Ob nun Ricarda zur Musik von Helene Fischer die Geburtstagstafel für ihren Mann deckt, gespielt von Galal, der keine Lust zu feiern hat, ob Julian seinen Zusammenbruch spielt, Maike vor Laura einen Heulkrampf bekommt, oder Johannes in High Heels und Frauenkleidern vor seinem (Theater-)Bruder einherstolziert, die Szenen wirken authentisch. So eine Geburtstagsfeier hat wohl schon jeder durchleben müssen. Das verstärkt die Atemlosigkeit bei der Betrachtung dieser Familie, die nur eine - wohl unerfüllbare - Sehnsucht hat: normal zu sein.

Termine: 12. und 13. April, Einlass 18.30 Uhr, Start 19.30 Uhr, Eintritt 8 Euro. Kulturküche, Waldhausener St. 64. Karten unter karten@kulturkueche.com. Infos unter www.kulturkueche.com/kuechentheater.

Quelle: RP
 
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