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Mönchengladbach
Karneval - eine Annäherung

Mönchengladbach: Karneval - eine Annäherung
Führung durch das Karnevalsmuseum im Alten Zeughaus: Hans Brüggen zeigt Gastreporter Delf Gravert (li.) ein Bild des Prinzenpaares der vergangenen Session. FOTO: Ilgner Detlef
Mönchengladbach. Warum die Rheinländer so gerne Karneval feiern, hat Gastreporter Delf Gravert aus Itzehoe nie verstanden. Vor dem Start der neuen Session fragte er dort nach, wo man es wissen muss - bei der Rheydter Prinzengarde und im Zeughaus. Von Delf Gravert

Ein Profi-Bügeleisen hängt von der Decke, direkt daneben steht eine Nähmaschine, zwischen vollen Regalen noch ein Schreibtisch mit Computer - die Räume neben dem Raumausstattungsgeschäft von Karl-Heinz Claßen und seiner Frau an der Düsseldorfer Straße sind Lagerraum, Werkstatt und Büro in einem. Und mitten zwischen den Arbeitsutensilien neben Tapetenmustern und Gardinenstoffen ein Kleiderständer mit schwarz-weißen Uniformen. Denn hier werden auch Rheydts neue Prinzengardisten eingekleidet. Claßen ist der Zeugwart der Garde. "Wir suchen gerade neue Räume für unseren Fundus. Das ist aber nicht so einfach. Bis dahin bleiben die Sachen hier", sagt er.

Der 63-jährige Geschäftsmann hat nicht viel Zeit. In Kürze öffnet das Geschäft nach der Mittagspause wieder. Trotzdem ist zu spüren, dass er gern über den Karneval spricht. Der habe ihn schon immer fasziniert - besonders die Große Rheydter Prinzengarde. Obwohl Claßen in Gladbach geboren und aufgewachsen ist, kam er erst mit Mitte 50 zur Garde: "Als junger Mann habe ich mich nicht so richtig getraut. Ich dachte, das wäre ein elitärer Zirkel." Später sei dann wenig Zeit gewesen, wegen der Kinder und der Arbeit. "Als die Kinder aus dem Haus waren, habe ich zufällig den Schatzmeister der Garde kennengelernt und gemerkt, die sind gar nicht so elitär. Meine Frau hat dann gesagt, ich solle endlich nicht mehr davon reden, sondern es einfach machen."

Anprobe beim Zeugwart: Bei Karl-Heinz Claßen lässt Delf Gravert sich die Bekleidung der Großen Rheydter Prinzengarde erklären. FOTO: Detlef Ilgner(2)

Seit neun Jahren ist Claßen nun begeistert dabei und begleitet mit den anderen Aktiven das Prinzenpaar während der Session. Wenn er erzählt, wird deutlich, dass Karneval eine ernste Angelegenheit ist: Da werden schon mal bis zu acht Veranstaltungen an einem Wochenende absolviert. Von den aktiven Gardisten wird Anwesenheit erwartet. "Natürlich kann nicht jeder immer, aber zeitaufwändig ist es schon." Gerade für die Funktionsträger laufe auch vieles im Hintergrund.

Was motiviert ihn, sich einzubringen? "Das aktive Vereinsleben", sagt Claßen. "Wir sind so etwas wie eine große Familie." Und dann gerät der Zeugwart so richtig ins Schwärmen und berichtet von vielen tollen Veranstaltungen wie der stillvollen Weihnachtsfeier oder den Fahrten zu befreundeten Vereinen nach Aachen. "Und man lernt interessante Leute kennen." Wer etwas auf sich halte im Stadtteil, sei unter den 800 Mitgliedern der Prinzengarde. Das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert die Uniform. "Die gehört einfach dazu. Wir sind halt die Pinguine in Schwarz-weiß." Auch deshalb habe die Garde keinerlei Nachwuchssorgen. "Jeder möchte halt gern die Uniform tragen", sagt Claßen und lacht herzlich.

Aus der Franzosenzeit Anfang des 19. Jahrhunderts stammen die eindeutig militärischen Anleihen vieler Karnevalstraditionen, erklärt Hans Brüggen die Ursprünge. "Das Rheinland war ja abhängig von Napoleon, und im Karneval konnte man die Obrigkeit mal gehörig verhohnepipeln." Später sei der Militarismus der Preußen Ziel des Spotts gewesen. So sei auch die Vorliebe der Karnevalisten für Orden in allen Formen und Farben zu verstehen. Brüggen ist ein Kenner der Geschichte des Karnevals. Seit Jahren engagiert sich der 79-Jährige im rein ehrenamtlich betriebenen Karnevalsmuseum im Alten Zeughaus. "Der Name passt auch zur Tradition: Zeughaus meint ja eigentlich ein militärisches Waffenlager. Wir finden es aber sehr passend. Schließlich bewahren wir ja auch altes Zeug auf", sagt Brüggen augenzwinkernd. Dem Museum, durch das er führt, ist an jeder Ecke anzumerken, dass es mit viel Liebe zum Detail eingerichtet wurde und gut gepflegt wird. Orden, Bekleidung, Bilder und Plakate in der Ausstellung zeugen von der langen Tradition des Karnevals in Mönchengladbach. "Wir haben viel mehr Objekte in der Sammlung, als wir zeigen können", sagt Brüggen. Gern würde der Verein, der das Haus betreibt, anbauen, aber die Bauverwaltung tue sich damit schwer.

Karneval sei wichtig für die Stadt, genauer gesagt für das gesellschaftliche Leben, sagt Brüggen. "Der Zusammenhalt der Menschen drückt sich da aus, und das generationenübergreifend." Viele seien schon als Kinder dabei, dann gebe es zwar oft eine Lücke bei den Jugendlichen, wenn Beruf oder Studium Vorrang haben. "Wer aber nicht wegzieht, ist dann meist so ab 30 wieder dabei und bleibt es dann oft bis ins hohe Alter." Ist Brüggen schon ein wenig aufgeregt, so kurz vor dem diesjährigen Wecken des Hoppeditz? "Ja, ich freue mich, dass es wieder losgeht. Jedes Jahr wieder."

Quelle: RP
 
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