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Mönchengladbach
Kirchenoper mit Luther und dem deutschen Kaiser

Mönchengladbach. 1517 schlug Martin Luther seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Das hatte erhebliche politische Folgen, die im Laufe der Jahrhunderte recht unterschiedlich bewertet wurden. Zur Zeit der deutschen Reichsgründung durch Bismarck 1871 sah man in der Reformation eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem deutschen Nationalstaat. Und diese Sichtweise fand auch einen Niederschlag in der damaligen Musik. Von Gert Holtmeyer

Kein Geringerer als Franz Liszt dirigierte 1874 die Uraufführung eines heute unbekannten Werkes, das jetzt in einer eindrucksvollen Aufführung in der Evangelischen Hauptkirche Rheydt zu hören war. Der Komponist des wiederentdeckten Oratoriums heißt Ludwig Meinardus, und der fußt deutlich hörbar in der deutschen Hochromantik. Schmetternde Blechbläser sowie kraftvolle Chor- und Orchesterpartien erinnern an Richard-Wagner-Pathos.

Zu welchen Katastrophen der deutsche Hurra-Patriotismus im 20. Jahrhundert führen würde, ahnten damals nur sehr wenige. Um so wichtiger ist heute die Erinnerung. So war es verdienstvoll, dieses problematische, aber eben wichtige Kapitel deutscher Geschichte einmal in seinem authentischen musikalischen Ausdruck spürbar zu machen.

Es war keine einfache Aufgabe, die sich Udo Witt und die Seinen da vorgenommen hatten. Schwierige Harmonien, komplizierte Einsätze und häufige Tempo-Wechsel stellten an alle Mitwirkenden hohe Anforderungen. Aber sorgfältige Probenarbeit und hohe Konzentration halfen über die Schwierigkeiten weg und schufen eine hörenswerte Aufführung. Stimmkräftig agierte der große Chor. In dem vereinigten sich die Kantorei der Evangelischen Hauptkirche Rheydt, der Niederrheinische Kammerchor Viersen-Dülken und Mitglieder des Rheydter Knabenchores. Präzise und klanglich differenziert präsentierte sich das Orchester der Hauptkirchenkonzerte mit seiner Konzertmeisterin Johanna Brinkmann.

Intonationsrein und wohlklingend überzeugten Holz- und Blechbläser sowie die Pauken. Bei größerem Etat und mehr Platz als vorhanden hätte man sich noch mehr Streicher wünschen können. Aber die vorhandenen machten auch so ihre Sache gut, wobei besonders der Solocellist hervorzuheben ist. Das gut besetzte Solistensextett vervollständigte den hervorragenden Gesamteindruck - mit Taryn Knerr als Katharina von Bora (Sopran), Franziska Buchner (Alt), Michael Siemon als Kaiser Karl V. und Alexander Tremmel (Tenor), Christian Palm und, als Martin Luther, Thomas Peter (Bass). Die Gesamtleitung lag wie gewohnt bei Udo Witt in den besten Händen. Die Kirchenbänke waren gut gefüllt; herzlicher, lang anhaltender Beifall erkannte die große Leistung aller Beteiligten an.

Quelle: RP
 
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