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Serie Gladbacher Lesebuch (13)
Kohlenklau mit kirchlichem Segen

Mönchengladbach. Zwei Autoren, drei typische Zeitgeschichten. Helmut Arnold berichtet über das "Fringsen", Hildegard Huppertz über merkwürdige Diktate. Von Helmut Arnold

Hermges Wir sind im Spätsommer oder Herbst 1945 nach Mönchengladbach gekommen und bekamen eine Zuteilung von Schlammkohle. Es war wie ein Lehmklumpen, nur schwarz und nass. Wir hatten einen Kellerraum, der mit Latten vom Nachbarkeller abgeteilt war, und auf allen Türen waren Schlösser. Wir mussten bei jeder Lieferung die Schlammkohle in den Keller bringen, dort lagern und in kleinen Portionen nach oben bringen. Wie diese Kohle gebrannt hat, ist mir heute noch ein Rätsel. Bei uns brannte der Herd nur zum Kochen.

Wir sammelten während des Herbsts alles Brennbare aus den Trümmergrundstücken, alles was gefunden wurde, haben wir klein gehackt und im Keller gestapelt. In der Dunkelheit wurden auch mal ein kleiner Baum gefällt und Latten von Gartenzäunen mitgenommen. Unser Ofen stand in der Küche, und das Ofenrohr war durch das zweite Zimmer kurz unter der Decke verlegt, es führte durch das ganze Zimmer, um danach in den Kamin zu verschwinden. Das hatte zum Vorteil, dass die Wärme durch dieses Ofenrohr geleitet wurde und den zweiten Raum mit erwärmte. Als es kälter wurde, hat meine Mutter die Fenster mit Decken zugehangen, damit die Wärme nicht durch diese Fliegengitter und Holzverschläge entweichen konnte.

Abends wurde der Herd ausgemacht und wir haben uns mit Decken zugedeckt. Im Bett hatten wir dicke Steppdecken. Morgens, wenn wir aufstehen mussten, waren die Wohnung kalt und das Wasser zum Waschen fast gefroren. Meine Mutter brachte ab und zu Briketts mit, die ich dann im Keller gestapelt habe, die meisten wurden aber am gleichen Tag verbrannt.

Irgendwann durfte ich mitgehen. Wenn es dunkel wurde, nahmen wir jeder einen Sack und gingen bis zur Bahnlinie nach Hermges. Wir warteten mit einigen Nachbarn auf einen Kohlezug, in Hermges fuhr dieser Zug langsam - gewollt oder ungewollt, das weiß ich nicht. Wenn der Zug ankam, kletterten mehrere Männer oder auch Frauen auf den Zug. Es waren Kohlewagen, die oben offen waren, und sie warfen Brikett von oben runter, die von den anderen, auch von mir und meiner Mutter, eingesammelt wurden. Bevor der Zug schneller wurde, sprangen die Leute, die auf dem Zug waren, ab und sammelten die Kohle mit auf. (Anm. der Redaktion: Solche Szenen sind auch unter dem Begriff "Fringsen" bekannt und waren in der Nachkriegszeit an der Tagesordnung. Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings hatte der Bevölkerung dieses Handeln indirekt erlaubt, um die eigene Existenz sichern zu können.) Ich kann mich nicht erinnern, dass es in dieser Gruppe zu Streit kam, es wurde alles geteilt. So ein Zug kam nicht alle Tage, es muss also eine gute Information gewesen sein. Die Züge waren natürlich bewacht, und ab und zu wurde auf einer Trillerpfeife oder auf den Fingern gepfiffen, dann mussten wir uns in die Büsche schlagen, und wir gingen ohne Brikett nach Hause. Es waren auch manchmal bewaffnete Soldaten oder Polizei dabei und wir lagen lange Zeit in den Büschen und mussten uns still verhalten. Wenn wir noch Zeit hatten, sind wir stiften gegangen. Meistens haben wir dann die Briketts dalassen müssen, nur der Sack musste mit. Der war wertvoll, wir hätten sonst beim nächsten Mal nicht sammeln können. Es ist auch mehrmals geschossen worden. Dieses Geräusch kannte ich, das hat mir keine Angst gemacht.

Von Hermges trugen wir unsere Briketts nach Hause. Das sind ungefähr vier Kilometer, und wenn ich mir vorstelle, dass ich etwa zehn Briketts über diese Wegstrecke getragen habe, so muss das sehr anstrengend gewesen sein. Da ich die Gefahr nicht so kannte, haben mich öfters heruntergeworfene Briketts an allen Körperteilen getroffen, Löcher im Kopf waren keine Seltenheit. In unserer Gruppe waren nur zwei Kinder, der Nachbarjunge und ich. Sein Vater hatte sich später einen zweiräderigen Handkarren besorgt, damit musste sich einer so verstecken, dass der Karren nicht sichtbar war. Das war meistens einer, der eine Verletzung hatte. Wir brauchten die Briketts nur noch eine kurze Strecke zu tragen und dann in die Karre zu legen. Es hatte zwei Vorteile: wir konnten noch nachsehen, ob auf den Gleisen, wenn der Zug fort war, noch einige Briketts lagen und hatten eventuell den doppelten Ertrag, und der Heimweg wurde dank Handwagen leichter.

Nach einiger Zeit wurde ich befördert in doppelter Hinsicht, ich musste auf den Kohlewagen. Ich wurde angehoben, damit ich auf den Puffern zu stehen kam, von da aus musste ich auf den Waggon klettern. An den Außenseiten der Waggons waren Steighaken angebracht, an denen wir hochklettern konnten. Von Erwachsenen wurden wir angelernt: "Die eine Hand fürs Vaterland die andere für dich" - also niemals loslassen! Wenn wir oben waren, mussten wir im Akkord arbeiten, damit viele Briketts nach unten kamen. Auf die unten Stehenden konnte keine Rücksicht genommen werden, wenn die Lokomotive pfiff, mussten wir sofort runterklettern und in Fahrtrichtung abspringen. Wenn man nicht schnell genug beim hoch- oder runterklettern war,

wurde geschubst. Das hatte zur Folge, dass man keinen richtigen Absprung und demnach auch keine gute Kontrolle der Landung hatte, und das konnte zu Verletzungen führen. Es wurde natürlich nicht von oben gesprungen, sondern man kletterte an diesen Steigeisen runter. Dann auf diesen Puffer, unterhalb war noch ein Tritt, von da aus erfolgte der Absprung.

Ich bin heute der Meinung, dass das Zugpersonal Bescheid wusste und deshalb einen Pfeifton von sich gab, denn es dauerte eine Zeit lang, bis der Zug an Fahrt aufnahm. Es passierte alles in der Dunkelheit, egal bei welcher Witterung, am besten waren die Regentage. Ich glaube, das Wachpersonal hatte dann auch weniger Lust. Ich hatte bestimmt öfters die Hosen voll, aber man entwickelt eine gewisse Routine. Es kam auch immer wieder zu gefährlichen Situationen, wenn man die Geschwindigkeit des Zuges nicht richtig einschätzte. Kam man nicht richtig auf dem Boden auf, so kam es zu sehr schmerzhaften Verstauchungen oder zu Verletzungen an allen Körperteilen.

Bei der Vorstellung, was alles passieren konnte, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.

Quelle: RP
 
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