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Mönchengladbach
Kontroverse Diskussion um europäische Werte

Mönchengladbach. Ein Theologe, ein Philosoph und ein Historiker sprachen in der Gesamtschule Mülfort über ethische Leitnormen. Von Dirk Richerdt

Gemeinsame Werte? Nein, Europa fehle der "Tiefgang", die Macht der in der EU zusammengeschlossenen Staaten liege nach wie vor bei den nationalen Regierungen, sagte Dr. Christian Bremen. Der Historiker und Politologe vom Institut für Katholische Theologie an der Technischen Hochschule Aachen beantwortete die Frage nach einer europäischen Wertegemeinschaft ernüchternd: "Die EU hat keine Identität", stellte Bremen am Schluss seines Impulsvortrags im Forum der Gesamtschule Rheydt-Mülfort fest. Und verneinte damit die Existenz ethischer Leitnormen in Europa. Eine Auffassung, die in Bezug auf die Flüchtlingskrise krasse Verhaltensunterschiede, etwa im Vergleich zwischen Deutschland und Ungarn, bestätigt.

Diese Position mochte sein Nachfolger in der Vortragsreihe, zu der die als "Schule mit Courage" ausgezeichnete Gesamtschule und die RWTH Aachen anlässlich der Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus eingeladen hatten, nicht teilen. "Ich glaube doch, wir haben gemeinsame Werte", erklärte der katholische Fundamentaltheologe Dr. Patrick Becker. Doch fügte er zur Verblüffung mancher Zuhörer an: "Ich glaube, die Religion muss, wenn wir über europäische Werte reden, aus dem Spiel bleiben." Vorstellungen, der europäische Geist basiere auf der gemeinsamen jüdisch-christlichen Geschichte, seien nicht mehr zeitgemäß. Längst sei Pluralität anstelle verbindlicher Glaubenshaltung getreten. "Nur wer Pluralität wertschätzt, wird nicht in der absolut setzenden Festschreibung des eigenen Lebensansatzes stecken bleiben", lautete Beckers Fazit. Und so konterte der Theologe im Verlauf der anschließenden Podiumsdiskussion die Bemerkung von Moderator Ralf Jüngermann, die Kirchen bezögen in der Flüchtlingskrise ja wohl am klarsten Position, so: "Ich glaube nicht, dass der Staat Religion als Grundlage wählen sollte."

Auf die Ebene der "universalen Grundwerte" hievte Philosophie-Professor Reinhold Breil, hauptamtlich Lehrer an der Gesamtschule Rheydt-Mülfort, das Thema. Menschenrechte seien global gültig und für alle "verpflichtend zu akzeptieren". Diese klare Position untermauerte Breil mit "meinem Lieblingsphilosophen Kant". Das Streben nach Freiheit sei jedem Menschen inne, also dürfe dies auch den Flüchtlingen nicht verwehrt werden, betonte Breil, der auch am Philosophischen Institut der TH lehrt. Insofern sei der Bau von Zäunen gegen Flüchtlinge "ein unwürdiges Schauspiel" und müsse wieder rückgängig gemacht werden.

An der folgenden Podiumsdiskussion, die RP-Redaktionsleiter Ralf Jüngermann als Moderator leitete, nahmen neben Schulleiterin Martina Gottlieb auch der im Abistress steckende Schüler Donik Nikaj, dessen Eltern aus dem Kosovo stammen, und ein Gast aus Atlanta (USA), die junge Margaret Joyce, teil. Sie erinnerte daran, dass trotz der rigorosen Abwehrhaltung ihres Landes gegenüber Migranten aus Mexiko immerhin eines gelungen sei: Die mexikanische Küche sei nun weithin verbreitet.

Auf Jüngermanns Frage nach Gründen des starken Zulaufs zur rechtspopulistischen AfD antwortete der Politologe Christian Bremen: "Das liegt wohl daran, dass die etablierten Parteien nicht mehr in der Lage sind, Pluralität in ganzer Breite abzubilden."

Quelle: RP
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