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Eselei (2)
Krause trifft Krause

Mönchengladbach. Norbert Krause ist Künstler und der Mann hinter den 7000 Eseln. Ludwig Krause ist Journalist und nicht mit ihm verwandt. Ein Gespräch über Eseleien, Lobbys für unterschätzte Tiere, die Schönheit im Hässlichen - und den Google-Esel.

Herr Krause, Ihr Name liegt auf Platz 29 der häufigsten Nachnamen in Deutschland. Finden Sie das nicht ein bisschen langweilig?

Norbert Krause Eine Zeit lang vielleicht. Aber man kann eigentlich sehr gut damit spielen. Krause Ideen zum Beispiel. Ein schöner Begriff.

Ist es eigentlich verpönt, einen Künstler zu fragen, was er über die Werke anderer Künstler denkt?

Krause Ich finde, man kann jeden alles fragen.

Na dann: Was haben Sie gedacht, als Sie das erste Mal von Rita McBrides "Donkey's Way" gehört haben?

Krause Erst habe ich gedacht: Was soll das? Esel? Am zweiten Tag hat es dann aber "klick" gemacht. Der Impuls, das doof zu finden, liegt ja auf der Hand. Aber das ist ja das Schöne an Kunst: dass manche Dinge sich erst im zweiten Anlauf erschließen. Dafür ist der Effekt dann größer.

Warum hat es dann an Tag zwei "klick" gemacht?

Krause Weil das Werk viel Potenzial hat und auch jenseits der Kunst weiter genutzt werden kann. Die Esel sind sehr figurativ, sagen jedem sofort etwas. Das Wichtigste an Kunst ist für mich, dass es als Kommunikationsmittel dient. Die Menschen reden darüber. Nichts ist doch langweiliger als Kunst, die alle irgendwie schön finden.

Was reden die Menschen denn so über die Esel-Kunst?

Krause Viele lehnen die Tiere aus irgendeinem Grund ab. Als Wahrzeichen denkt man bei Eseln an die Bremer Stadtmusikanten oder die Stadt Wesel. Andere haben sich von den Tieren direkt angegriffen gefühlt. Das habe ich so nie begriffen. Ich frage: warum denn nicht Esel? Oder Enten? Oder Hühner? Das sind übrigens auch wundervolle Tiere, die werden genauso unterschätzt. Esel gelten landläufig als stur. Aber wenn ein Esel auf irgendetwas gar keinen Bock hat, macht er das auch nicht mit. Ist das jetzt stur oder einfach nur schlau? Vielleicht Ansichtssache.

Und dann haben Sie gewissermaßen eine Esel-Lobby gegründet?

Krause Ich fand diese Dynamik, die sich da schnell entwickelt hat, spannend. Das Kunstwerk wurde von vorne herein diskreditiert, da lag die Idee praktisch auf der Straße. So ist es dann zur Aktion mit den 7000 Eseln gekommen - bei der Maren Dörwaldt und ich die Leute aufgerufen haben, Eselbilder zu schicken.

Die Mönchengladbacher stehen anscheinend auf solche Eseleien. Sie haben tatsächlich Tausende Bilder bekommen...

Krause Die jüngsten Maler waren vielleicht ein Jahr alt. Ein Gekrakel, hinter dem sich wohl der Esel versteckt haben muss (lacht). Aber wir hatten auch Teilnehmer aus einem Seniorenheim. Und es gab ganz bewusst keine Auszeichnungen - jeder Esel war gleich gut, egal wie man ihn gemalt hat.

Wie wurden die Esel am häufigsten dargestellt?

Krause Wir haben ganz viele Comic-Esel bekommen, ein paar haben es fotorealistisch versucht. Einige haben sehr schnell gezeichnet, andere sich richtig Zeit gelassen und eine Geschichte erzählt. Am tollsten war, bei der Ausstellung später durch diese Flut an Eseln zu laufen. Da springen einem immer wieder neue Bilder ins Auge. Und dann gab es da auch noch den Google-Esel.

Den Google-Esel?

Krause Menschen haben das Wort "Esel" gegoogelt und die erstbesten Treffer abgemalt. Davon haben wir auch eine ganze Reihe, die erkennt man sofort.

Kommt jetzt das Esel-Buch?

Krause Eher nicht. Wir haben 4200 Bilder bekommen, das wären Tausende Seiten, selbst wenn wir mehrere Bilder auf eine Seite packen würden.

Sie haben schon einmal eine Esel-Lobby gegründet. Gewissermaßen. Eine für Drahtesel.

Krause Bei "200 Tage Fahrradstadt" ging es darum, eine Lobby für Fahrradfahrer zu schaffen, weil ich das Gefühl hatte, dass Mönchengladbach nicht unbedingt fahrradfreundlich ist. Dabei findet man Fahrradfahrer überall in der Gesellschaft, in der Stadt kommt man mit dem Rad oft sogar schneller voran als per Auto. Bei mir geht es eben oft um Identitäten, die Stadt und die Wahrnehmung alltäglicher Dinge.

Sind Sie ein politischer Künstler?

Krause Ein gesellschaftlicher.

Was treibt Sie denn gerade um?

Krause Ich mag das Haus Westland ja sehr gerne.

Wie bitte?

Krause Von außen eines der am meisten unterschätzten Gebäude der Stadt. Es ist vielleicht ähnlich wie bei den Eseln: Da hat man zwei Möglichkeiten, wenn man jeden Tag vorbei geht. Es schlecht zu finden und davon genervt zu sein, bis es irgendwann mal abgerissen wird. Oder man stellt sich hin und guckt es so lange an, bis es einen anlächelt.

Von wo lächelt einen das Haus Westland denn an?

Krause Eine Frau hat mich bei einer anderen Kunstaktion darauf gebracht. Bei "Nächste Ausfahrt: para_dies" hat sie das Haus Westland auf einen Zettel geschrieben. Das hat mich doch sehr verwundert. Aber an einem ganz bestimmten Punkt, wenn die Sonne sich bronzefarben in der Fassade widerspiegelt, kann es tatsächlich sehr schön sein. Es muss eben nicht der hässliche Klotz sein, den immer alle sehen.

Erwischen Sie sich eigentlich dabei, auch mal was hässlich zu finden?

Krause Ja klar, ständig, aber das ist doch ganz normal. Ich merke auch, dass ich mir selber aufgesessen bin. Sonst wäre es auch langweilig.

LUDWIG KRAUSE STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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