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Mönchengladbach
Krauses nächste Ausfahrt ins Paradies

Mönchengladbach. Der Aktionskünstler Norbert Krause radelt am Niederrhein. Auf der 270 Kilometer langen Tour will er erkunden, welche Paradiese auf Erden die Menschen zwischen Mönchengladbach und Kleve nennen. An zwölf Stationen macht er Halt. Von Dieter Weber

Nein, Botschafter will er nicht sein. Vor diesem Begriff graust's dem Krause. Der Aktionskünstler aus Eicken fühlt sich eher als Niederrhein-Radler, der einen ganz speziellen Auftrag hat: Er will das Paradies des Niederrheiners erkunden. Und deshalb begibt er sich ab 3. Juni auf eine 270 Kilometer lange Reise mit Rad nebst Anhänger von Gladbach bis nach Kleve und wieder zurück. Dies wird keine sportliche Meisterleistung, weil sich Norbert Krause (33) für seine Tour 14 Tage Zeit nimmt. Denn unterwegs wählt er zwölfmal eine Ausfahrt und wird in zwölf Städten und Gemeinden auf Plätzen und an besonderen Orten seine mobile para_dies-Archivierungs-Station aufstellen.

Dabei inszeniert sich Krause nicht selbst: Er sucht die persönlichen Paradiese der Menschen. Mit Fotos, Objekten und der auf einen viertel Quadratmeter gebannten Zukunftsvision seiner Gesprächspartner tritt er jeweils die Weiterfahrt an. In einem Internet-Blog beschreibt er seine Erfahrungen, damit viele den Weg verfolgen können. Auch wenn Krause mit Plastikpalmen seine Stationen dekorieren wird, ist er überzeugt, dass der Niederrheiner sein persönliches "Paradies auf Erden" nicht auf den Seychellen oder auf Mallorca verortet. "Das para_dies liegt meist gleich um die Ecke: Es ist ein Lieblingsplatz, ein Lieblingsausblick, es sind besondere Ereignisse und vieles mehr", meint Künstler Krause. Wer nicht dauernd auf seine Projekthomepage www.para-dies.de schauen will, kann sich im Herbst bei einer Wanderausstellung schlaumachen, welche Paradiese die Niederrheiner gewählt haben.

Normalerweise dauert es nicht lange, bis bei Krause aus einer Idee eine Aktion wird. Dieses Mal war es anders. "Die Idee hatte ich schon vor mehr als einem Jahr", sagt er. Dass er sich Zeit mit der Umsetzung ließ, hat auch etwas damit zu tun, dass eine solche Tour organisiert werden muss und dass er am Ende auch ein Forum bekommt. Und da trifft es sich gut, dass der Verein "Kulturraum Niederrhein" jüngst den Arbeitsschwerpunkt "Kulturelle Biografie" gewählt hat. Als Dr. Thomas Hoeps vom Kulturbüro Mönchengladbach bei seiner Kollegin Dr. Ingrid Misterek-Plagge für Krauses Vorhaben warb, hieß es sogleich: "Prima Sache! Da machen wir mit." Unterstützt wird das Projekt von der regionalen Kulturförderung des Landes und von den zwölf Kommunen, die der Aktionskünstler ansteuert.

Krause selbst gibt sich als Schüler, der von den Niederrheinern viel lernen will – wie sie leben, was sie mögen und was nicht, welche Wünsche und Sehnsüchte sie haben. Er trifft damit die Grundhaltung, die sich hinter der "Kulturellen Biografie" versteckt. Denn da geht es nicht um einen elitär überhöhten Kunstbegriff. Kulturraum-Chefin Dr. Ingrid Misterek-Plagge will das Private mit den gesellschaftlichen und historischen Lebenslinien des niederrheinischen Kulturraums verknüpfen. Orte der Erinnerung, private Sammlerstücke, Erzählungen von Zeitzeugen – sie werden "Leihgaben" und in Kunstprojekte, Literatur und Theaterinszenierungen integriert. In den Niederlanden war das Konzept überaus erfolgreich.

Ob er es will oder nicht: In diesem Sinne ist der strampelnde Künstler Krause doch so etwas wie ein Botschafter, der die Idee transportiert, Kontakte herstellt, vermittelt und dafür sorgt, dass eine kulturelle Biografie entsteht. Und bei der Suche nach dem Paradies wird es Krause und den von ihm interviewten Niederrheinern vielleicht so ergehen, wie Bär und Tiger, die in Janoschs Buch "Oh wie schön ist Panama" mal eben um die Ecke gucken – und da das Paradies entdecken.

Quelle: RP
 
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