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Mönchengladbach
Künste der Nacht

So war die Abschlussperformance von Niels Coppens
So war die Abschlussperformance von Niels Coppens FOTO: Ludwig Krause
Mönchengladbach. Der Atelierstipendiat Niels Coppens hat in Mönchengladbach seine Abschlussperformance gegeben. Von Ludwig Krause

Es ist kurz vor elf Uhr. Abends. An der Hindenburgstraße 20 steht ein Pulk von Menschen auf dem Bürgersteig. Vielleicht 50 mögen es sein, aus Köln, Aachen und Düsseldorf, viele sind jung, manche hip, einige haben ein Bier in der Hand. Was passiert hier? Was soll das? Niemand weiß es so richtig. Die Fensterscheiben des ehemaligen Hotels sind mit Folie abgeklebt, keiner darf hinein. Noch nicht. Im Schaufenster nebenan kündigen vier Stroboskopstrahler an: Hier passiert noch etwas.

Eingeladen hat Niels Coppens. Der Belgier ist Atelierstipendiat der Stadt, hat das leerstehende Gebäude seit Anfang Mai gestaltet, mit Leben gefüllt. Es ist zum Treffpunkt "Oberstadt" geworden, spontan zusammengezimmerte Sitzgelegenheiten an einer spontan zusammengezimmerten Bar. Von jedem, für jeden. Menschen brachten Dinge mit und legten sie aus. Kleidung, Vinyl oder Selbstgemachtes. Es gab Musik und Essen, einmal sogar ein ganz spezielles Puppentheater. Die Wände hat er schwarz gestrichen. Heute Abend soll alles vorbei sein.

Kurz nach elf, ein Helfer tritt vor die Tür. Drinnen sei es stockfinster, erzählt er. Auch die Treppen seien nicht beleuchtet. Und: In der Mitte des Raumes klaffe ein Loch im Boden. Darauf möge man doch bitte achten. Ansonsten solle man ruhig sein - und viel Spaß haben. Kurzer Applaus, gespannte Euphorie, dann schlüpfen die Zuschauer hinein. Holen sich im schwach beleuchteten Eingangsraum noch ein Bier und schieben sich dann durch die schweren Vorhänge. Vor ihnen eröffnet sich - schwarze Stille.

Sofort stellen sich die Sinne neu ein. Man riecht, man hört. Wie groß der Raum in Wahrheit ist, wird erst klar, als der Strahler am Kopf von Niels Coppens angeht. Wohin er schaut, dahin scheint das Licht. Die Besucher sind seiner Wahrnehmung ausgeliefert. Sie sehen nur, was er sie sehen lassen will. Coppens erklärt nichts, begrüßt niemanden. Er arbeitet schnell, ohne hektisch zu sein. Zielstrebig läuft er durch den Raum, ohne die 50 Menschen um ihn herum zu beachten. Schweigend baut er einen Tisch auf, darauf einen Gaskocher mit zwei großen Kochtöpfen. Aus Säcken schöpft er Paraffin in die Töpfe, rührt es mit einem Industriemischer zusammen und bringt es zum Kochen. Schnell steigen die Dämpfe in den Kopf. Hier zu sein, zuzuschauen, hat etwas Verbotenes. Weil sich Coppens gänzlich unbeobachtet fühlt und etwas ganz und gar Bedeutungsvolles zu treiben scheint, ohne dass man es einordnen könnte. Der Künstler kocht, klar. Aber nicht wie zu Hause, nein. Eher wie der Drogenkoch von "Breaking Bad". Hier, mitten in Mönchengladbach, hinter den abgeklebten Fensterscheiben in dem Raum mit den schwarzen Wänden.

Dann stürzt Coppens den Inhalt der Eimer durch das Loch im Boden. Es platscht laut, im Keller hat er ein Schwimmbecken aufgebaut. Das Paraffin erstart, Coppens mischt es mit Eis, schöpft es ab und legt die abstrakten Gebilde auf eine Wäschespinne. Sie nehmen das Licht auf und leuchten grün. Er macht es wieder und wieder.

Das Publikum ist Teil der Perfomance. Erst im ehrfürchtigen Abstand, dann beginnen sie, umherzulaufen. Folgen dem Künstler, schauen in die Töpfe und das Loch. Längst haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt, sehen, was sie zunächst nicht sahen. Die Aktion zieht sich weit in die Nacht, nicht alle bleiben dabei die ganze Zeit drinnen. Es drängt sie nach draußen, auf den Bürgersteig. Ein Bier trinken, rauchen, diskutieren. Was haben sie da gerade gesehen? Haben sie dem Künstler beim Erschaffen des Werkes zugeschaut? Oder ist das Zusehen, der Akt des Erschaffens schon die Kunst? Aufgetrunken, aufgeraucht, wieder rein. Zum Koch. Und den Künsten der Nacht.

Quelle: RP
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